Autor: Matthias Schollmeyer

Der Stil Gottes / Lukas 6 …

Es gibt eine leise Schwelle, die den Menschen vom Tier trennt – keine biologische, sondern eine metaphysische. Sie liegt nicht im Gehirnvolumen, nicht in der Lautbildung, nicht in der Werkzeugkunst. Sie liegt in der Fähigkeit, sich selbst in die Schranken zu weisen. Das Tier folgt seinen Affekten, und in dieser Treue zur Instinktnatur ist es makellos. Der Mensch aber ist gar nicht makellos; er ist ein Riss im Gewebe der Schöpfung – weil er weiß, dass er handeln könnte, anders, als sein Trieb ihn drängt. Das Christentum hat aus diesem Wissen ein Gebot gemacht. Es sagt nicht: Folge deinem Gefühl. Es sagt: Verwandle es.

In diesem „Verwandle es“ liegt die ganze Zumutung des Evangeliums. Nicht mehr der Instinkt, nicht die Reaktion auf Reiz, Angriff, Kränkung, Zuwendung oder Versagung soll das Handeln bestimmen, sondern etwas, das sich in der natürlichen Ordnung gar nicht rechtfertigen lässt: die Nachahmung Gottes. „Liebt eure Feinde“, heißt das in der Sprache Jesu – ein Satz, der jedem biologischen Sinn spottet. Denn kein Tier liebt seinen Feind. Kein Tier verzeiht, wo es verletzt wurde. Kein Tier gibt, ohne etwas zurückzuerwarten. Der Mensch aber soll das tun – gerade weil es wider die Natur scheint.

Ist der Mensch das einzige Wesen, das seine eigene Natur überschreiten kann? Freilich, da gibt es einige rührende Geschichten von Pferden und Hunden, die sich in Krisensituationen schon mal geopfert haben sollen. Aber man weiß nicht, ob solche Berichte nicht eher nur zu Herzen gehende Erfindungen hypersensibler Autorinnen und Autoren sind, die auf diese Weise beschreiben wollen, wozu eigentlich der Mensch fähig sein sollte. In dieser paradoxen Aufgabe nämlich (Selbstüberschreitung) liegt die Würde des Geschöpfes. „Und ihr werdet Kinder des Höchsten sein“, sagt Christus. Das heißt nicht: Ihr werdet wie Gott oder selber Götter sein. Sondern: Ihr werdet leben wie ER – wissend, dass ihr ES nicht seid. Die christliche Existenz bestand nie in der Selbstverwirklichung des Ichs, sondern in seiner intendierten Verklärung. Der Mensch wird nicht, was er „eigentlich“ ist, sondern was er nicht ist – und in dieser ständigen Unangemessenheit liegt sein Adel.

Die Ethik Christi ist nicht eine Optimierung des Guten, sondern die Abschaffung der Berechnung. „Wenn ihr liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon?“ – diese Frage ist ein Volltreffer mitten ins Weltgefüge. Sie zerstört die Äquivalenz von Geben und Nehmen, Alltags-Prinzip des Gleichgewichts, das in allen Religionen, ja in allen Gesellschaften die natürliche Ordnung bewahrt. Jesus hebt dieses Gleichgewicht für die auf, die das Ganze suchen. Er will, dass der Mensch handelt, ohne Gegenüber, ohne Spiegel, ohne Belohnung. So handelt Gott – gütig gegen die Undankbaren und Bösen.

Aber wer vermag das unter uns Sterblichen? Nur der, der die Welt schon ein Stück weit hinter sich gelassen hat. Es ist eine Erfahrung des Alters, die jungen Menschen fast grausam vorkommen muss: dass das, was man aus sich macht, immer weniger zählt, je näher man der Wahrheit kommt. Der alte Mensch jedoch hat genug Zeit gehabt, die Mechanik der Affekte zu durchschauen – das Spiel von Sympathie und Antipathie, Anziehung und Abstoßung, Stolz und Verwundung. Er hat gesehen, wie armselig und verlässlich zugleich diese Mechanik arbeitet, wie sie Freundschaften, Lieben, Feindschaften, Karrieren lenkt – und wie wenig sie mit Freiheit zu tun hat. Erst im Nachlassen der Leidenschaften öffnet sich das Auge für die unbegreifliche Güte dessen, der ohne Affekt liebt.

Für den Jungen ist Liebe noch Begehren, Freundschaft noch Spiegelung, Feindschaft noch Selbstbehauptung. Er sieht im Anderen das Objekt, an dem sich sein Ich in rasendem Zorn oder flammender Liebe entzündet. Erst der Alte, vom Ich und seinen Spiegelfechtereien erschöpft, beginnt zu begreifen, dass Liebe kein Gefühl, sondern eine Form des Handelns – und dass die höchste Handlung jene ist, die vom eigenen Vorteil abgelöst bleibt. Der Junge muss und will Eindruck machen, der Alte darf und will still wirken. Der Junge fragt: „Was bringt mir das?“ Der Alte erkennt: Alles, was etwas brachte, brachte mich und andere in Gefahr.

Christlich handeln heißt, im Stil Gottes zu handeln – und dieser Stil ist die vollkommene Zwecklosigkeit. Gott liebt nicht, weil der Mensch liebenswert wäre. Er liebt, weil er ist. Und der Mensch, der das begriffen hat, liebt, weil er sein will wie der, der ihn liebt. Darin liegt kein Größenwahn, sondern Nachfolge – das leise unendliche „Wie“ des Gebets, das den Himmel öffnet: „Wie im Himmel, so auf Erden.“

Die Welt mag diese Haltung für weltfremd halten; in Wahrheit ist diese tatsächliche „Weltfremdheit“ aber weltweitüberlegen. Sie hebt den Menschen aus dem Kreislauf des Affekts, aus der Zwangslogik des Reagierens. Wer in diesem göttlichen Stil lebt, antwortet nicht mehr auf Reize, sondern auf den Ruf. Und dieser Ruf ist immer derselbe: Tu Gutes, ohne Grund.

So wird das Christentum – richtig verstanden – nicht zur Moral, sondern zur Kunstform. Die Kunst, wie Gott zu handeln, ohne Gott zu sein, ist die höchste aller Lebensformen. Sie ist schwer, einsam, unscheinbar – und gerade darum göttlich. Denn der göttliche Stil zeigt sich nicht in der Macht, sondern im Verzicht; nicht im Triumph, sondern in der Sanftheit derer, die nichts mehr beweisen müssen.

Und vielleicht ist das die letzte Lektion des Alters: dass der Mensch Gott nicht erreicht, indem er ihn begreift, sondern indem er ihm ähnelt – schweigend und unberechenbar in einer Güte, die über jeden Affekt hinausgeht. Das ist das Ziel des Lebens: Gott nachahmen, wissend, dass man ihn nie erreicht – und gerade darin von ihm berührt werden.

Predigt zum 15. Sonntag nach Trinitatis 28.9.2025 in Steinach (Thema Baum)

Predigt über den Baum (Genesis 2,9)

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, am Anfang der Bibel, gleich im zweiten Kapitel, heißt es:

„Und Gott pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin; und mitten in den Garten pflanzte er den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.“

Zwei Bäume. Gegensätzlich – und doch beide von Gott gepflanzt. Der eine schenkt Leben, der andere zwingt den Menschen, die Welt einzuteilen: gut oder böse. Und das ist eine schwere Last. Denn wer von den Früchten dieses Baumes isst, bekommt nicht das Leben (das der andere Baum schenkt) – sondern muss ständig sortieren, urteilen, unterscheiden – und wird so selbst verstrickt in Schuld und Trennung. Das ist der Tod bei lebendigem Leib. Der Baum des Lebens dagegen steht in der Mitte. Er ist wie ein Mittelpunkt, ein Herz: Nahrung, Kraft, Segen.

Wir merken schon: Die Bibel erzählt hier nicht Botanik und von Dendrologie, sondern von uns selbst. Denn auch in uns stehen diese beiden Bäume. Was wir „essen“, was wir denken, womit wir uns füllen – das prägt uns. Heute sagt man: Bauch und Kopf hängen eng zusammen, Darm und Gehirn sehen ja auch fast ganz ähnlich chaotisch aus. Unsere Gedanken sind Nahrung. Darum gilt: „Glaub nicht alles, was du denkst. Aber denke über alles nach, was du glaubst. Und noch mehr über das, wovon man dir sagt, dass du es glauben sollst.“ Genau das machen wir hier in jeder Predigt: wir stellen den Glauben in und vor das Forum des Denkens.

Schaut Euch um: In jeder Kirche selbst steht ein Baum. Es ist das Kreuz. Aus Holz, von Menschen gezimmert, aber zugleich Symbol für die größte Verbindung: Vertikal – Himmel und Erde. Horizontal – Osten und Westen, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Ein Mensch hat sich daran binden lassen – Jesus – und er breitet die Arme aus wie Äste. Manchmal sehen wir auf Darstellungen das Leiden des Menschen: der Körper windet sich, zerrissen. Doch es gibt auch Bilder – besonders aus der Frühromanik und aus Afrika –, da scheint Christus aufgerichtet vor der Form des Kreuzes zu stehen, ruhig, fast schon verklärt. Einer hat gesagt: „Die Qual am Kreuz ist die Vorstufe zur Verklärung als Auferstandener.“ Das Kreuz ist in den Kirchen zum Baum des Lebens unter den Bedingungen der irdischen Existenz geworden.

Seit jeher sind Bäume Orte des Geheimnisses. Unter der Eiche von Mamre erscheint Abraham Gott. In Griechenland verwandelt sich Daphne in einen Lorbeerbaum und kann sich der Verfolgung dadurch entziehen. Die Germanen ehrten Donars Eiche, die Nordländer erzählten von Yggdrasil, der Weltesche als Weltachse. In Indien sitzt Siddhartha unter einem Feigenbaum, bis er als Buddha erwacht – das Buch Hermann Hesses werdet ihr zur Konfirmation geschenkt bekommen. Überall dieselbe Erfahrung: Der Baum verbindet Himmel und Erde, Anfang und Ende.

Und nun Ihr, liebe Konfirmanden: Was für ein Baum wächst in Euch? Welchen wollt Ihr pflanzen? Natürlich kann man draußen im Garten oder Wald einen Baum setzen – am besten einen Obstbaum, der süße Früchte bringt – und die uns schmecken. Aber es geht auch um einen inneren Baum. Jesus sagt: „Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn …“ Dann wächst aus dem Kleinsten eine ganze Welt. Ein Senfkorn-Glaube kann sich verwandeln in einen großen Baum, in dem Vögel nisten – und Vögel sind die, die dorthin fliegen können, wo wir Menschen nie hin gelangen.

Darum: Pflanzt Glauben, pflanzt Hoffnung, pflanzt Dankbarkeit. Lasst es Wurzeln schlagen. Seid nicht vorschnell mit Urteilen – „gut oder böse“ –, sondern bleibt verbunden mit dem Baum des Lebens. Dann werdet Ihr erleben, wie Euer Leben Frucht bringt.

Amen.

Augsburger Religionsfrieden

Man muss den Augsburger Religionsfrieden vom 25.September 1555 – dieses fast preußisch wirkende Frühwerk deutscher Kompromisskultur – nicht verklären, um ihn als Chiffre für eine Lehre zu nehmen, die uns heute schmerzlich fehlt: das Recht auf Koexistenz. Damals wurde es, unter Schmerzen und mit spitzen Federn, zwischen Katholiken und Lutheranern durchgepaukt, weil selbst das Schwert nicht mehr Herr über die Meinungen werden konnte. Man einigte sich auf das Prinzip „cuius regio, eius religio“ – ein Herr, also eine Konfession. Von heutiger Warte aus ein barbarisches, autoritäres Arrangement, aber immerhin ein Anerkennen des Faktums: Der Gegner ist nicht aus der Welt zu schaffen, er bleibt, er sitzt mit am Tisch der Geschichte.

Und was erleben wir nun, fast ein halbes Jahrtausend später, im aufgeklärten, postmodernen Deutschland? Eine linksliberale Priesterkaste, die mit heiliger Selbstgerechtigkeit so tut, als könne man die Hälfte des politischen Spektrums mit Bannflüchen, Nazivokabeln und moralischer Exkommunikation erledigen. Das Credo lautet nicht mehr: „Lebe du nach deinem Glauben, ich nach meinem.“ Es heißt heute: „Es gibt nur meinen Glauben – den der woken Selbstbespiegelung. Alles andere ist Faschismus.“ Eine säkular gewordene Theologie der Cancel Culture, die aus intellektueller Verarmung gespeist wird und deren Sakramente Sprachverbote, Genderschnörkel und Denkmalsstürze sind.

Hier offenbart sich die neue Torheit der Macht: Ministerinnen, die mit funkelnden Augen Bismarckbilder abhängen wollen, weil sie den inhärenten „Kolonialismus“ nicht ertragen – als ob der eiserne Kanzler, der das Reich geeint und den Sozialstaat erfunden hat, ihnen persönlich im Sitzungszimmer die Luft zum Atmen nimmt. Dieselben Leute, die Straßen umbenennen wollen, weil die Geschichte nicht dem Spiegelbild ihrer Tugendfrisuren entspricht. Historische Ahnungslosigkeit ist ihr Kapital: je weniger sie wissen, desto unerschrockener sind sie im moralischen Furor.

Doch gerade am Augsburger Datum müsste man den Finger in die Wunde legen: Ohne Anerkennung des politischen Gegners kein Frieden, ohne institutionalisierte Gleichbehandlung kein funktionierender Pluralismus. Das Parlament ist kein moralischer Therapieraum für linksgrüne Befindlichkeiten, sondern eine Arena, in der die Differenz ausgehalten werden muss. Oppositionsparteien auszugrenzen, sie in Landtagen oder im Bundestag wie Aussätzige zu behandeln – das ist nichts anderes als die Wiederholung jener konfessionellen Engführung, die Europa einst mit Kriegen überzogen hatte. 

Wer die politischen Gegner nicht als legitimen Mitspieler akzeptiert, sondern als „Unmenschen“, „Nazis“, „Faschisten“ etikettiert, handelt nicht im Geiste des Religionsfriedens, sondern im Geist der Inquisition. Die wahre Gefahr für die Demokratie kommt nicht von ein paar Schreihälsen am linken oder rechten Rand, sondern von der wohlfrisierten Ignoranz jener politisch Unreifen, die mit moralischer Hybris meinen, sie seien die Einzigen, die noch sprechen dürfen.

Von den Stühlen und Sesseln des Augsburger Religionsfriedens ruft man uns zu: „Weder katholisch noch lutherisch allein konnte uns das Reich bestehen – und ebenso wenig heute: Weder linksgrün noch konservativ allein wird Deutschland zu seiner Aufgabe in der Welt und speziell für Europa zurück gelangen. Was es braucht, ist die Rückkehr zur Gleichbehandlung im Parlament und zur Einsicht, dass Demokratie nicht heißt, die eigene Meinung sei die letzte Wahrheit, sondern auch der Irrtum des Gegners besitzt legitimes Daseinsrecht.“

Die Lektion vom 25.9.1555 ist keine Fußnote, sie ist eine eminente Mahnung: Ohne Anerkennung des Anderen stürzt jede Republik in die zurecht so genannte Idiotie ab. Wir sind gerade dabei, das zu riskieren.

Kirche in der Postmoderne

der christliche Glaube im Umfeld der Postmoderne
Die Gestalt des gegenwärtigen Christentums ist einem enormen Spannungsfeld ausgesetzt. Einerseits hat die sogenannte Neuzeit mit ihrem Anspruch auf Vernunft, mit dem Aufbruch der Aufklärung und den politischen Umwälzungen seit dem 19. Jahrhundert die Kirche in eine tiefe Krise gelangen lassen. Andererseits erweist sich gerade darin die bleibende Stärke ihrer Frage nach Gott.

Zunächst ist zu erinnern an das Verhältnis des Einzelnen zur Kirche selbst. Viele Menschen treten aus der Institution aus, nicht selten im Protest gegen Fehlentwicklungen, Skandale oder ihrer Nähe zu weltlicher Macht. Doch dieser Schritt verkennt die eigentliche Struktur der Kirche. Sie ist nicht bloß eine fatale Institution, die nach menschlichem Ermessen und Gutdünken geschaffen wurde, sondern war immer auch Raum, in dem die Sakramente als Zeichen und Werkzeuge göttlicher Gnade wirksam waren und sind. Wer die Kirche nun bewusst verlässt, trennt sich nicht so sehr von einer Verwaltung, sondern eher von einem Heilsgeschehen, das größer ist als die Summe der Sünden seiner Amtsträger.

Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich aus der Selbstveränderung der Theologie in der Moderne. Vor allem der Protestantismus hat in seinem Bemühen, sich der aufgeklärten Welt zu öffnen, sich der Welt unterschiedslos angepasst und damit vielfach die Transzendenz Gottes auf’s Spiel gesetzt oder gar zurückgedrängt. Gott wurde verstanden als moralisches Prinzip, als Begründung sittlicher Ordnung, nicht mehr als der lebendig ewige Herr, der sich in Geschichte und Sakrament offenbarend zeigt. Ein im Sinne menschlicher Zwecke „aufgeklärter Gott“ aber verliert seine eigene Wirklichkeit. Er wird zu einer didaktischen Figur, die letztlich entbehrlich wird, wenn der moralische Konsens auch ohne ihn zustande kommt.

Gleichzeitig erhebt sich die Stimme eines neuen Atheismus. Autoren, die sich der Wissenschaft verpflichtet glauben, treten auf mit dem Anspruch, Religion überwinden zu können. Doch ihre Argumentation trägt selbst dogmatisch-religiöse Züge. Sie verkünden mit apodiktischer Gewissheit die Nichtexistenz Gottes und wiederholen damit die Strenge derjenigen Orthodoxien, die sie bekämpfen zu müssen meinen. Es entsteht eine paradoxe Situation: Der Atheismus erhebt sich selber zur Religion und zwar zur Religion des Unglaubens, intolerant gegen alles, was sich dem Zugriff des empirischen Beweises entzieht.

Drittens ist die Frage der Toleranz zu bedenken. Eine Gesellschaft, die Toleranz als ihr oberstes Prinzip erhebt, läuft Gefahr, ihre eigenen Grundlagen preiszugeben. Toleranz bedeutet nicht, das Eigene aufzugeben, sondern es in vernünftiger Weise zu behaupten und zugleich die Freiheit des Anderen zu achten. Wo aber jede Bindung an Wahrheit verdächtigt wird, verkehrt sich Toleranz in Beliebigkeit. Dann wird nicht mehr geschützt, was den Menschen trägt, sondern preisgegeben, was ihn im Tiefsten ausmacht.

Vor diesem Problemhorizont gesehen wird verständlich, weshalb die Unterstützung der Kirche durch den Staat nicht bloß ein Relikt vergangener Zeiten ist, sondern Ausdruck der Einsicht, dass Religion zum Gemeinwesen gehört. Wenn man diese Verbindung leichtfertig kappt, öffnet man das Feld neuen Surrogaten und Ersatzreligionen: dem Kult vor dem bedrohten Klima etwa, der Vergöttlichung des Marktes, der Ideologisierung von Identität. Diese Mächte füllen dann das Vakuum, das entsteht, wenn die Kirche verstummt.

So lässt sich folgende Linie zusammenfassen: Die Kirche ist nicht frei von Schuld, aber sie bleibt der Ort, an dem Gott als gegenwärtig gedacht und damit auch erfahrbar wird. Ein Gott, der nur als moralisches Symbol gedacht ist, löst sich auf. Ein Atheismus, der im Namen der Vernunft dogmatisch auftritt, verfehlt sein Ziel. Eine Toleranz, die ohne Wahrheit auskommen will, zerstört die eigenen Grundlagen. Und eine Gesellschaft, die die Kirche preisgibt, verliert mehr, als sie gewinnt. Gerade darum gilt: Es ist die Aufgabe der Christen, den Glauben nicht in Anpassung und/oder Verzicht auf Transzendenz zu schwächen, sondern ihn in seiner Tiefe zu bekennen – als Weg, auf dem Gott selbst in die Geschichte tritt und den Menschen zu seinem Heil führt.

Der Verdacht liegt nahe, dass der Kirche ein schwerer Weg bevorsteht. Vielleicht macht aber dieser schwere Weg es erst möglich, sie zu ihrer ursprünglichen Stärke zurückzuführen, die nach dem Wort des heiligen Paulus gerade in ihrer Schwäche besteht. Søren Kierkegaard soll Folgendes gesagt haben: „Der Tyrann stirbt und seine Herrschaft ist vorüber; der Märtyrer stirbt und seine Herrschaft beginnt.“ Es kann also wohl sein, dass die Kraft des Christentums erst wieder zum Erstarken kommt, wenn seine Vertreter zu Märtyrern geworden sind. Wobei Märtyrertum nicht darin bestehen muss, in einer Arena gegen Löwen gekämpft oder das Haupt unter ein Fallbeil gelegt zu haben. Es reicht (hoffentlich) vielleicht auch aus, dass man sich für die Wahrheit interessiert, ihr gefolgt, sie im Gespräch zum Thema gemacht und ihr auf diese Weise gedient hat.

Träume …

Das aber sind die drei großen Träume von Josef, dem Sohn Jakobs, dem Sohn Isaaks, dem Sohn Abrahams. Also von dir. Denn diese Geschichten sind nicht bloß alte Erzählungen aus ferner Zeit. Sie sind Spiegel, die in dich hineinschauen, wenn du nachts die Augen schließt:

„Ich lag einmal an einem Sommerabende vor der Sonne auf dem Feld und entschlief. Die Erde war mein Lager, der Himmel mein Dach und ein alter Stein mein Kissen. Da träumte mir – und siehe: Eine Leiter stand hinaufreichend bis in die Himmel. Engel Gottes stiegen daran auf und nieder, wie der Atem ein und aus. Und ganz oben stand der Höchste. Nicht drohend, sondern segnend. Er sprach: ‚Ich will dich segnen. Und du sollst ein Segen sein.‘

Und wiederum träumte mir. Da sah ich, wie wir Korn ernteten und Garben banden. Meine Garbe stand in der Mitte, und die Garben der Brüder umringten sie. Und neigten sich, nicht aus Zwang, sondern weil ein geheimes Gesetz sie bewegte. Als ich erwachte, siehe, da war es ein Traum.

Und noch ein drittes Mal träumte mir. Da sah ich die Sterne am Himmel. Elf Bilder zogen ihre Bahnen, Sonne und Mond waren dabei. Und alle verneigten sich, in würdigem Kreis, vor einem Stern, der in der Mitte erglänzte. Mein Stern. Als ich erwachte, da war es ein Traum.“

Diese Träume – von der Leiter, von den Garben, von den Sternen – begleiten den Menschen, seitdem er menschlich ward. Sie gehören uns nicht, aber wir gehören ihnen an. Jeder Mensch ist ein wichtiges Traumgesicht aus der ewigen Welt Gottes. Indem wir leben, verwirklicht sich der Traum. Und wenn Gott erwacht, siehe, dann sind wir wahr.

Nun zugegeben: Man muss das nicht mögen. Man kann die Träume überhören, man kann sein Leben klein und ganz allein vor sich hin verwursteln. Das ist ganz einfach. Leider. Aber wie wäre es, wenn wir die Kostbarkeit dieser Träume annähmen? Sie sind Honig. Mehr noch: Gelee Royal. Jene Nahrung, die uns verwandelt, die uns zu mehr macht als zu dem, was die Marktmechanismen und Lügennachrichten aus uns machen wollen – zu dummen Konsumenten von immer neu erfundenem Unsinn Nein. Wir sind Beschenkte, beschenkt mit göttlichem Traumstoff.

Morgen – im Gottesdienst – hören wir von Jakobs Traum von der Himmelsleiter. Dieser Traum ist nicht vergangen. Er ist gegenwärtig. Auf irgendeiner Stufe der Himmelsleiter Leiter wirst auch du stehen. Auf irgendeiner Stufe triffst du deinen Engel.

Man brauchst nicht viel. Du brauchst die Zeit. Nimm sie dir. Du brauchst einen Ort. Akzeptiere ihn. Du brauchst ein Thema. Das Thema hat dich schon gefunden. Und du brauchst eine Person. Und diese Person bist immer du selbst.

Denn du bist das Ebenbild Gottes, durch das er selbst zu sich spricht. Du bist das Gefäß, in dem der Traum Gottes Form annimmt. Du darfst zuhören. Und das Zuhören selbst ist dein Leben.

So wird aus einem herbstlichen Spätsommerabend auf einem Feld, die große Wahrheit: dass der Mensch niemals nur diesseitig ist, sondern immer schon ein Himmelswesen im irdischen Getriebe.

Eleonores Lied

Eleonores Lied …
Wenn man will, lässt sich die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts als Epoche der Selbstüberschätzung lesen: Dampfmaschinen, Telegrafen, Eisenbahnen, Nationalstaaten – alles war möglich, nur Gott schien überflüssig geworden zu sein. Das war die Zeit, in der die Philosophen vom „Tod Gottes“ fabulierten und die Fabrikschlote als eiserne neue Prediger in den Himmel ragten. Inmitten dieser zivilisatorischen Selbstfeier erhebt Eleonore Fürstin Reuß zu Köstritz, geborene Stolberg-Wernigerode, eine Stimme, die man kaum hören will: „Ich bin durch die Welt gegangen … und die Welt ist schön und groß. Doch ziehet mein Verlangen mich weit von der Erde los.“ Am 18. September vor 122 Jahren schloss sich der Lebenskreis dieser Frau. Wir erinnern an sie und ihr Lied.

Als Gedicht ist es kein sentimentales Kammerlied geblieben, sondern hat als Verweigerungsgeste einer Wissenden den Weg in die Gesangbücher gefunden. Die Welt, die sich selbst in Nationalfarben, Aktienkursen und Fortschrittsparolen feiert, wird in den schlichten Worten der vier Strophen gleichsam entmachtet. Karl Gustav Arnold Kuhlo hat eine zu Herzen gehende Melodien dafür zu finden gewusst und das Lied ist in unzähligen Frauenhilfsstunden unzählige Male rauf und runter gesungen worden. Dann wurde es für zu „erwecklich” gehalten – und aus den meisten Gesangbüchern wieder entfernt. Ja – es ist nicht immer das Schlechteste, was drauf gehen muss, wenn Leute zu Entscheidungsträgern werden und sich für das Geistliche seiner angeblichen Infantilität wegen schämen zu müssen glauben. Im bayrisch-thüringischen Gesangbuch steht es aber noch – auf Seite 621 im Anhang.
Die Fürstin Eleonore nun beobachtet in ihrem Lied die Welt. Ähnlich wie eine Ethnologin „ihre” Eingeborenen beobachtet: „Sie suchen spät und früh, sie schaffen, sie kommen und gehen, und ihr Leben ist Arbeit und Müh.“ Es ist, als würde eine Fürstin den ganzen Betrieb der Moderne mit einem Achselzucken quittieren: Ihr sucht, ihr rackert, ihr verzehrt euch – und bleibt leer.

Die Zeitdiagnose stammt also nicht aus den Hinterhöfen der Arbeiterquartiere, nicht aus der Feder eines Marx-Schülers, sondern aus der Feder einer Frau des Adels, die das Treiben aus Distanz und Nähe zugleich sehen konnte. Und sie zieht daraus eine Pointe, die für das ausgehende 19. Jahrhundert ein Affront war: „Es ist eine Ruh vorhanden.“ Keine politische Revolution, kein wissenschaftlicher Durchbruch, kein neuer Kaiser – sondern eine biblische Ruhe, unzeitgemäß, fast skandalös in einem Zeitalter, das sich permanent selbst beschleunigte. In einer Welt, die sich in Produktions- und Expansionskreisläufen selbst hypnotisierte, schrieb eine Fürstin ein kleines Exerzitium des Ausstiegs. Sie verweigerte sich der Immanenzfalle, indem sie den Blick hob – nicht auf die Sterne der Astronomie, sondern auf die Ruhe des einfältigen Glaubens. Und indem sie das tat, war sie zugleich politischer, als sie es vielleicht selber wusste: Auf jeden Fall unterliefen ihre Worte den offiziellen Lärm des Jahrhunderts.

Morgen, 122 Jahre nach ihrem Tod, liest sich das Lied wie ein trotziges Flüstern gegen die Dauerbeschallung des bedingungslosen Fortschritts. Die Fürstin sagt: Die Welt ist groß, aber nicht groß genug, um die Sehnsucht zu stillen. Die Arbeit ist viel, aber nicht mächtig genug, um den Sinn zu ersetzen. Die Liebe, die Ehre, das Glück – sie bleiben unbefriedigt. Und was bleibt, ist die Ruhe, die kein Jahrhundertlärm übertönt. Das 19. Jahrhundert wollte ein Jahrhundert der Lösungen sein. Eleonore schrieb ein Lied, das wie eine Antwort klingt: „Die Lösung liegt nicht in euren Lösungen.“

Ich bin durch die Welt gegangen
1) Ich bin durch die Welt gegangen,
und die Welt ist schön und groß,
und doch ziehet mein Verlangen
mich weit von der Erde los.

2) Ich habe die Menschen gesehen,
und sie suchen spät und früh,
sie schaffen, sie kommen und gehen,
und ihr Leben ist Arbeit und Müh.

3) Sie suchen, was sie nicht finden,
in Liebe und Ehre und Glück,
und sie kommen belastet mit Sünden
und unbefriedigt zurück.

4) Es ist eine Ruh vorhanden
für das arme müde Herz;
sagt es laut in allen Landen:
Hier ist gestillet der Schmerz.


Eleonore Fürstin zu Stolberg-Wernigerode (* 20. Februar 1835 in Gedern; † 18. September 1903 in Ilsenburg) war durch Heirat Prinzessin Reuß zu Köstritz und eine deutsche Liederdichterin.

Aurelius Augustinus – der Bischof von Hippo in Nordafrika

Ach – wir hätten ihn fast vergessen. Ihn, der mit Goethe Geburtstag hatte an Nietzsches Bestattungstag: Augustinus, den Bischof aus Hippo im heutigen Nordafrika. Schnell noch die Blumen hinterher – und den Kuchen mit den 1671 Kerzlein zum Auspusten. Man stelle sich also heute mit pünktlicher Verspätung von fünf Tagen den 28. August in merkwürdiger Andacht vor: Der Altar, halb im Licht, halb im Schatten. Links liegt eine Geißel, rechts glänzt der Orden. Und in der Mitte steht der Mann aus Tagaste, Aurelius Augustinus, der Bischof von Hippo, der Sohn jener fabelhaften Monika, die Christus in ihr Herz geschlossen hatte. Der Sohn traf mit seiner Feder die Nervenadern Europas und ließ sie mit seinem Denken zwei Jahrtausende lang nicht los …

Das Positive: Augustinus – des Ordens würdig
1. Der Intellektuelle des Begehrens: Mit seinen niedergeschriebenen Confessiones hat Augustinus das erste große Selbstgespräch der europäischen Literatur geschaffen – kein Bericht, sondern ein Geständnis. Damit erfand er so etwas wie die „innere Autobiografie“, die Selbsttransparenz des Menschen vor Gott. Ohne ihn keine Moderne, kein Freud, kein Rousseau.
2. Theologie der Gnade: Er war der große Arzt gegen die Überheblichkeit des Willens. Wo der Mensch sich selbst genug sein will, setzt Augustinus den Gott, der vor uns und über uns ist. Gnade als dessen befreiende Durchschlagskraft, nicht als dekoratives Beiwerk.
3. Civitas Dei: Mit dem Zerfall des römischen Reiches erdachte Augustinus ein theoretisches Gegenreich – nicht mehr aus Stein, sondern aus Sinn erbaut. Er rettete damit das Christentum durch kluge metaphysische Umschichtung: Imperium contra Civitas, das Reich Gottes gegen den bröckelnden Staat. Ohne Augustinus wäre das Abendland wohl viel früher zerfallen, es wäre ohne inneres Narrativ geblieben.

Das Negative: Augustinus mit der Geißel
1. Die Erfindung der Erbsünde: Augustinus schärfte den Gedanken der Sünde so sehr, dass das Christentum zur Religion der Schuld wurde. Die Geschlechtlichkeit wurde als Achillesferse des Menschengeschlechts dargestellt – die Lust als Last, eine schwere Sache, die Europa bis heute abzustreifen versucht, mit allen Konsequenzen.
2. Der Gottesstaat als Totalisierung: Die Vorstellung Augustins von der Civitas Dei (Göttlicher Staat) war auch der Beginn einer Ideologie, die das weltliche Leben unter die Herrschaft des Religiösen beugte. Der Same des Theokratismus, bis zu den dunklen Jahrhunderte der Inquisition liegt hier begraben
3. Abwertung der Philosophie: Augustinus hat die heidnischen Denker zwar gelesen, aber er hat sie schließlich abgewertet – Platon darf noch als Vorläufer Christi dienen, aber Aristoteles wird verschwiegen. So band der nordafrikanische Bischof die geistige Freiheit an das Dogma, und zwang das Abendland zu einem langem Gang in Fesseln.

Orden, Geißel und Nachhall
Deshalb verleihen wir ihm einen Orden: Für das Erfinden der Innerlichkeit, die Europa überhaupt erst zum Selbstbewusstsein brachte. Ohne ihn wäre die westliche Subjektivität ein anderes und viel weniger reflektiertes ärmeres Gebilde.
Und verleihen im auch die Geißel: Für das Verdrehen des Christentums in eine Seelenjuristerei, in eine Schuldmaschine, die noch Generationen im Bann hielt.

Augustinus bleibt der große Ambivalente. Wer ihn feiert, muss ihn zugleich auch schelten. Wer ihn schelten will, muss seine Größe anerkennen. In diesem Mann, der seine zufällige – aber es gibt keine Zufälle – Berufung durch das Lesen fand, ist die ganze Spannung des Abendlandes eingeschlossen: innigste Innerlichkeit – und die schwerste Bürde. Vielleicht hatte ja jemand ihm am 28. August eine Kerze anzuzünden gewusst. Dem Mann, der Europa die Seele gab – und die Schuld.

1. September – Engelbert Humperdinck

Warum heute dieses Thema? Weil am 1.September im Jahr 1854 Engelbert Humperdinck geboren wurde – jener Komponist, welcher mit seiner Oper Hänsel und Gretel ein Märchen vertonte, das weit über Kinderspiel hinausweist. Es ist ein erstaunliches Paradox: Die stärksten Märchen des Abendlandes sind Kindererzählungen, die in Wahrheit nichts anderes sind als Verdichtungen der dunkelsten Konflikte des Erwachsenseins. Hänsel und Gretel zeigt dies exemplarisch. Was die Kinder erleben, ist nicht bloß eine Abenteuergeschichte im Wald, sondern das Drama der Mutterfigur als solcher, die hier gespalten erscheint: auf der einen Seite die erschöpfte Frau, die ihre Kinder schlägt, auf der anderen die Hexe, die sie im Ofen braten und verzehren will. Beides, so legt die Tiefenpsychologie nahe, sind zwei Spiegelungen derselben unerlösten Begierde.

Denn am Anfang steht nicht das Fressen der Kinder, sondern der Hunger der Mutter: die unersetzliche Begierde nach etwas anderem als Armut – das aber nicht da ist, weil es dem Milieu einer Holzfällerfamilie nicht entspricht – und was gerade darum auch als unmöglich und verboten erscheint. In der radikalen Märchenfassung verbannt die Mutter ihre Kinder in den Wald, in Humperdincks bürgerlich geglätteter Oper schlägt sie sie „nur“. Aber die Dynamik ist dieselbe: eine Frau, die das Unerreichbare begehrt, und ihre Ohnmacht darüber an den eigenen Kindern auslässt.

Dieses Muster begegnet uns nicht allein bei Humperdinck. Schon das Märchen vom Fischer und seiner Frau erzählt von einer Person, die nie aufhören kann, mehr zu verlangen: erst das Haus, dann das Schloss, dann die Krone, schließlich die Herrschaft über Sonne und Mond. Am Ende bricht alles zusammen. Die Hexenmutter und die Fischerilsebill sind verwandt: beides Gestalten einer Gier, die nicht sättigen kann, weil sie auf etwas zielt, was es nicht gibt.

Und auch die scheinbar harmlosen Märchen-Figuren – die törichte Else oder die kluge Else – gehören zu diesem Spektrum. In ihrer Unfähigkeit, zu wissen, wer sie sind, verkörpern sie das weibliche Selbstbild im Druck der Erwartungen: schlau sein zu müssen und töricht zu sein, für das Haus sorgen zu müssen und zugleich daran zu verzweifeln. Auch hier stürzt die Ordnung zusammen, weil die tragische Person den Ort nicht findet, an dem sie sein kann.

So zeichnet die Märchenlandschaft ein düsteres Panorama: die Frau, die begehrt, was nicht sein kann; die Frau, die verschlingt, statt zu nähren; die Frau, die unstillbar verlangt; die Frau, die an sich selbst zerbricht. Es ist, in den Bildern des Unbewussten erzählt, die dunkle Seite der Mutterschaft – und damit der ganze Schmerz des Menschseins überhaupt. 

Und doch: am Horizont leuchtet ein anderes Bild. Die Märchen selbst lassen es erahnen, Humperdincks Musik deutet es an – in der süßen Innigkeit des Abendliedes, das wie ein Echo aus einer anderen Welt klingt. In den Jahrhunderten hat sich dieses andere Bild verdichtet in einer Gestalt: der Gottesmutter Maria. Sie ist die Andeutung einer Mutterschaft, die nicht von Gier und Ohnmacht gezeichnet ist, sondern von Hingabe. Die Märchen kennen sie nicht, die Musik ruft sie herbei, und die christliche Tradition hat sie zum Bild erhoben.

So bleibt Humperdincks Oper ein Drama zwischen Hexenküche und Abendgebet: ein Seelenraum, in dem die dunklen Frauenbilder Europas auf die Bühne treten – bis am Schluss, leise und wie von fern, die Ahnung einer anderen Mutter Gestalt gewinnt.

Nikodemustag

31. August – Nikodemus
Ein sogenanntes Nikodemus-Evangelium (NE), das in seinen ältesten Gestalten wohl aus dem vierten Jahrhundert stammen soll, undTraditionen sammelt, die in dieser Zeit wohl allgemein mit in Umlauf waren. Das NE enthält also auch einen ausführlichen Bericht von der descensus ad inferos, der „Höllenfahrt Christi“. 

Das sonderbare Evangelium, das dem in Joh 3,1-21 genannten Nikodemus – einem Anhänger Jesu – zugeschrieben wird, gehört nicht zu den verbindlich gewordenen Schriften der Bibel, sein Stoff allerdings fand weite Verbreitung in der mittelalterlichen Volksfrömmigkeit, in Liturgie und Ikonographie.

Die Kapitel XVII bis XXVII nun beschreiben die Höllenfahrt Christi und enthalten eine theologische Intuition von eigentümlicher Kraft. Christus nämlich steigt höchstselbst in die Unterwelt hinab als der Herr, der drunten die verschlossenen Tore aufsprengt, Satan bindet und die Ureltern hinaus in die Freiheit führt. Der Tod ist seitdem nicht mehr der Verschließer, sondern Ort eines besonderen, wohl finalen, aber letztlich nicht gefährlichen Durchgangs. Und die Hölle ist entmächtigt, damit die Geschichte der Menschheit neu beginnen kann:

„Man muß es sich so vorstellen, sage ich, so muß man es sich vorstellen, daß in dieser schwarzen Finsternis, die sie Hades nennen, plötzlich ein Riß aufging, ein Licht, ein irrsinniges, ein unerträgliches, als ob tausend Sonnen gleichzeitig explodierten, und alle, die dort eingekerkert lagen, Adam, Jesaja, die Propheten, die Räuber, sie standen auf, sie blickten auf, sie waren geblendet und doch von Freude durchbohrt, und Satan, der alte Wicht, der alte Einflüsterer, redete noch, schrie noch, tobte noch, während er schon verurteilt war, schon in Ketten, schon im Maul des Hades, der selber begriff, daß er ausgespielt hatte, der Bauchgrimmen bekam, wie ein Vieh, dem die Därme zerreißen, weil der König, der wirkliche König, herabstieg, nicht wie ein Schatten, sondern wie ein Körper, wie ein Mensch, und mit dem Körper das Licht, und mit dem Licht die Zerschlagung aller Riegel und Schlösser.

Und dann, das ist das eigentlich Unerhörte, packt dieser Christus den Satan wie einen räudigen Hund am Kopf, schleudert ihn in die Finsternis zurück, übergibt ihn den Engeln, die ihn fesseln, Hand, Fuß, Hals, Mund, fesseln, daß er nur noch winseln kann, winseln, winseln, und Hades, der Riesenrachen, der alles verschlungen hat, muß selber aussprechen: ‚wir sind besiegt, wir sind besiegt, wir sind erledigt, wir sind der Lächerlichkeit preisgegeben‘, und während er das schreit, reißt Christus den Adam hoch, reißt ihn hoch aus der Grube, richtet ihn auf, richtet mit ihm die ganze Menschheit auf, zieht sie heraus, eine Prozession der Toten, die nun Lebende sind, heraus aus dem Unterleib der Erde, hinauf ins Paradies, wo schon Enoch und schon Elias stehen, die nie gestorben sind, und der rechte Schächer, der Räuber, der mit Jesus am Kreuz hing und bittend bekannte, dem der Herr sagte: ‚Heute noch wirst du im Paradiese sein!‘ der also mit dem Kreuz auf der Schulter daherkommt, wie ein Lump, und doch als erster, als allererster in den Garten geführt wird, dieser Lump als Triumphator, als Beglaubigung der Gnade.
Das ist der Sieg, das ist der Irrsinn, das ist das Unfaßbare, sage ich, daß ausgerechnet die Hölle selber, dieses Schlundwesen, die Kathedrale der Verdammnis, gestehen muß, geschlagen, leer, beraubt zu sein, daß ihr Bestand ausgelöscht ist, daß die eherne Konstruktion in sich zusammenkracht, daß ihr einziger Schmuck, ihre Gefangenen, ihr Reservoir, abgezogen ist, weg, entrissen, daß nichts bleibt als Satan in Ketten und Hades mit scheußlichem Bauchweh, und daß Christus, der Erniedrigte, der Gekreuzigte, der ans Kreuz Genagelte, dieser Hingerichtete, der von Essig Getränkte, in Wahrheit der Sieger ist, der König, der Höllenzertrümmerer, der, den niemand aufhalten konnte, der die Tore sprengt, die Schlösser zerreißt, die Dunkelheit vernichtet, der Licht bringt, ein für allemal, sage ich, und dieses Licht ist nicht mehr zu ertragen für die Finsternis, dieses Licht ist das Ende der Finsternis. Genauso muß man es sich vorstellen, sage ich, so, und nichts anderes.“

Wer so gepredigt haben könnte, soll kein Geringerer als Friedrich Christoph Oetinger gewesen sein – vielleicht in einer Predigt an der Sulzbacher Eiche über das apokryphe Evangelium des Nikodemus. Die oben stehende überlieferte Handschrift trüge dann etwa folgende Titelei: „Sulzbacher Eiche, Sommerpredigt 1762. Oetingers Rede über den descensus ad inferos Nikodemi.“ (Archivsignatur: PfA Sulzbach, Hs. VII, fol. 34r–37v).

Dieser schnell hingeworfene Text verrät in seiner gedrängten, fast stenographisch wirkenden Diktion nicht die Hand eines gelehrten Redaktors, sondern die hastige Notation – sagen wir es einmal so: Einer Hörerin. Im Milieu des schwäbischen Pietismus waren es nicht selten Frauen, die mit gespitztem Griffel die Predigten ihrer Seelsorger mitschrieben, um sie in den Erbauungskreisen weiterzugeben. Namen wie Christiana Mariana von Ziegler oder die Töchterkreise um Oetinger selbst zeigen, wie hoch das theologische Interesse und die Schreibfähigkeit pietistischer Frauen lagen. Man dürfte also eine solche Mitschrift mit gewisser Wahrscheinlichkeit einer Pfarrerstochter oder Hausmutter zuschreiben, die über solide Schreibfertigkeit – womöglich auch über eine der pietistischen Kurzschriften – verfügte. Auf jeden Fall ist dieses Stück aus dem 18. Jahrhundert unterhaltsam und bildend.

Wir nun lesen heute erstaunt diesen Text – am Tage des Heiligen Nikodemus. Denn der 31. August ist der Tag dieses besonderen Mannes, der damals heimlich zur Nacht bei Jesus vorbei schaute, um sich drängende Fragen beantworten zu lassen. Nikodemus hat es sich auch nicht nehmen lassen, während der Kreuzabnahme des verstorbenen Jesus zugegen zu sein und mit einer stattlichen Auswahl von Balsamsubstanzen sich einzubringen.
Ihm ging es nämlich nicht nur darum, die Sache solange zu verehren, solange sie sichtbar war. Es ging Nikodemus auch darum, diese Sache würdevoll über ihr irdisches Ziel hinaus zu begleiten, und weil es sein musste – auch zu bestatten und später zu versuchen, sie kunstvoll zu konservieren. Das hat er dann auch getan, der Herr Nikodemus. Er soll dieses Evangelium verfasst haben, von dem oben die Rede war. Und mit dem Autor dieser fabelhaften Schrift beschließt der Monat August an letztem Tage die Liste seiner Großen … 
Ob es Nikodemus historisch wirklich gegeben hat, kann keiner beweisen – aber behaupten und davon erzählen, das können wir. Gott rettet ja auch nicht die Welt, sondern er rettet unsere Sicht auf die Welt, dabei spielen Schrift und Gedanke eine große Rolle. So ist es also zwar nicht ganz egal, ob es Nikodemus wirklich gegeben hat und ob er ein Evangelium schrieb. Je länger und mehr Zeit aber zwischen die ersten nachchristlichen Jahrhunderte und unsere Zeit tritt, desto glaubhaft angemessener wird es, auch diese Schriften zu beherzigen, sich daran zu erfreuen und in ihrem Geiste weiter kreativ zu sein. Das ist eine der wichtigen Vorstufen der sogenannten Wahrheit …

DER LIEBE GOTT (Helge Schneider – 70. Geburtstag)

Es gehört zu den paradoxen Leistungen deutscher Post-Nachkriegskultur, dass ausgerechnet dieser Jazzmusiker und Komiker eine kleine Ersatz-Theologie für das religionsmüde Spätbürgertum entwirft. In seiner großartigen Nummer „Der liebe Gott“ aus dem Album „Akopalüze Nau” lässt Helge Schneider das alte Weltenschöpferwesen nicht in himmlischer Majestät auftreten, sondern in einer Wohnung mit zu flachem Dach sitzen –  deshalb schlechter Antennenempfang – vor überquellender Spüle. Gott vegetiert dort mehr als er lebt, alleinstehend, unverheiratet, aber „froh“. Er strickt Socken, kocht Kamillentee aus geschenkten Beuteln und besitzt keinen einzigen Pfennig.

Ach, da hat man doch seine Freude daran! Die transzendentalste Figur aller philosophischen Großdenkereien wird in den Humus des Banalen hinabgebettet. Was die Theologie als „Schöpfungsakt“ kennt, erscheint hier als kreative Resteverwertung aus dem Kühlschrank. Aus übrig gebliebenem Ton formt Gott die Erde, „schmeißt“ sie ins All und nennt sie „The Earth“ – denn er ist Amerikaner. Der Weltanfang dagegen ist als Improvisation gedacht: Keine majestätische Genesis, sondern eine kosmische Spielerei, die zwischen Sandmännchen und Abendteezeit geschehen sein mag. So Helge Schneider …

Doch in dieser Groteske liegt eine tiefe Pointe. Die Kirchenväter haben diese Sache mit dem Begriff der „Kenosis“ (Entleerung) beschrieben – die Selbsterniedrigung Gottes. Helge zeigt, ohne es auszusprechen: Gott wird nicht glaubwürdig durch den Überfluss, sondern durch seine Armut. Der ewige Schöpfer ohne Spülmaschine ist ein theologisches Bild, das sich mit der Logik der Inkarnation überschneidet. Gott teilt damit die Bedürftigkeit der Kreatur. Jeder Teebeutel, der ein zweites Mal aufgebrüht wird, ist Ikone des göttlichen Mitseins unter uns Menschen geworden.

Philosophisch ist das Ganze eine Variation über die Zufälligkeit des Seins. Dass wir existieren, ist – in Schneiders Bildsprache – kein Auto-Rache-Akt des bösartigen Demiurgen, sondern das Nebenprodukt einer kosmischen Improvisation. Es hätte auch anders kommen können. Und – in jedem Sternensystem geht es am Ende ohnehin immer schief, weil mindestens einer „Quatsch macht“. Schneider erzählt hier die Anthropodizee als Klamauk. Die Welt geht unter, weil Menschen existieren und Quatsch machen – und das wiederholt sich tausendfach.

Die Gestalt der ersten Menschen, bei „Toys are US“ auf dem Neptun erworben, als regenwurmähnliche Wesen mit Standesamt und Apotheke, unterläuft jede theologische Anthropologie. Kultur, so wird gezeigt, ist kein exklusives Vorrecht des Homo sapiens, sondern ein kosmisches Allerweltsphänomen. Denn der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, sondern eine Variante unter vielen – zufällig, grotesk und doch mit eigener Würde.

So entsteht eine theologia ineptiarum (Theologie der Blödelei). Der liebe Gott, wie ihn Schneider imaginiert, ist ein Gott der Zwischenräume – nicht fern und hoch, sondern nah, ärmlich, improvisierend. Das Lachen, das er auslöst, ist keine Blasphemie, sondern ein liturgisches Signal: die Entlarvung der falschen Ernsthaftigkeit, die Entdeckung der göttlichen Nähe im Absurden.

Heute, am 30. August 2025, wird Helge Schneider siebzig Jahre alt. Man könnte ihn einen Komiker nennen – und das stimmt. Man könnte ihn aber auch einen Theologen nennen – und das stimmt nicht weniger. Denn wer uns den Gott ohne Geld, mit Restmaterie im Kühlschrank und Trabrenn-Ausflügen nach Dienstlaken zeigt (an dieser Stelle schaut übrigens Klaus Dieter Hüsch um die Ecke), hat mehr über Inkarnation verstanden als mancher Dogmatiker davon aufzuschreiben wusste …

29. August – Ingrid Bergmann / Tag der Enthauptung des Täufers

Der 29. August gilt als Tag der Enthauptung Johannes des Täufers. Und man darf es wohl als eine jener strengen und fast unnatürlich stilisierten Fügungen betrachten, die das Leben selbst nur in seltenen Momenten hervorbringt und an wenige Auserwählte verteilt: Ingrid Bergman erblickte an diesem besonderen Tag das Licht der Welt und an einem 29. August verließ sie diese Welt auch wieder. Wie eine vollkommen komponierte Kadenz, wie eine mythische Schlusswendung, die nicht aus der Willkür irgendeines Komponisten, sondern aus der inneren Gesetzlichkeit der Musik selbst entsteht, fallen Anfang und Ziel in Ingrid Bergmanns Fall auf ein und dieselbe Note. Es ist, als habe das Dasein dieser großen Schauspielerin nicht im biographischen Zufall geendet, sondern im Reim auf sich selbst und des großen Wüstenpredigers und Vorläufers Christi lange vor ihr.

Ingrid Bergman, Tochter des Nordens, Schwedin, archaisch schön, schlicht wie das Licht über Fjorden und Schären – und doch so streng wie eine romanische Säule, brachte in einigen großen Filmen etwas von jenem in die Welt, das man zurecht „die Unschuld des Schauens“ nennen könnte. Ingrid Bergman war keine Diva im italienischen oder französischen Sinne, sondern eine Erscheinung übergroßer und unverspielter Klarheit – und darum war sie zugleich die ideale Projektionsfläche für allerlei Phantasien und Ängste des 20. Jahrhunderts.

1. Gaslight
„Gaslight“ heißt einer ihrer Filme. Ein düsterer Gang durch die Schatten der viktorianischen Innenräume, in denen der weibliche Blick langsam Schritt für Schritt am eigenen Zweifel zerschellt. Man sieht, wie eine Frau die Finsternis erträgt, wie sie gegen das anblinzelt, was wir heute „Gaslighting” nennen – und zugleich wird einem das Wesen einer Epoche bewusst, von der das weibliche Bewusstsein auch heute noch immer bedroht ist. Ingrid Bergman war zwar keine Theoretikerin der Frauenfrage, und doch wirkt ihr filmisches Spiel wie eine Antwort auf die Grundproblematik seelisch verwundbarer (weiblicher) Wesen, die tiefer schürft als jede psychologische Abhandlung. Man könnte sagen: „Gaslight” ist eigentlich kein Film über irgendeinen Mord, kein Film über einen Juwelendiebstahl, nein – das ist ein Film über den zerstörten Blick. Und Ingrid Bergman, die in allen Rollen jene unvergleichliche Mischung aus Unschuld und Würde, aus Schwäche und nie ganz verlöschender Kraft verkörpert, war die einzig mögliche Trägerin der Figur Paula Alquist Anton. Was geschieht mit der? – Ein Mann, äußerlich glänzend, kultiviert, von der Welt nicht ohne Bewunderung betrachtet, unterhöhlt in kleinen Dosen Tag für Tag, das Selbstvertrauen seiner Frau Paula. Er nimmt ihr nicht das Geld, nicht einmal gleich das Leben – er nimmt ihr die Fähigkeit, der eigenen Wahrnehmung zu trauen. Damit tötet er das Innerste eines Menschen: den Grund, warum man überhaupt noch aufsteht, noch handelt, noch lebt. Und hier geschieht das Wunder des Kinos: Das Opfer, das scheinbar passive, still erduldende Opfer, das mit jedem anderen Schauspielergesicht nur Schwäche gewesen wäre, wird durch Ingrid Bergmans Blick zur Offenbarung. Der Zuschauer erkennt: Nicht sie verliert den Verstand, sondern die Welt verliert die Wahrheit. Man sieht in ihrem verunsicherten, flackernden Ausdruck das Aufleuchten jener höheren Instanz, die man einmal Seele nannte. So wird dieser Film, der eine viktorianische Schauer-Geschichte hätte bleiben können, durch Bergmans Gegenwart zu einem Gleichnis: Dass der Mensch, der gezwungen wird, an seiner eigenen Wahrnehmung zu zweifeln, in die Nähe des Martyriums rückt. Man möchte beinahe sagen: im flackernden Licht der Gaslampen erscheint sie wie eine moderne Heilige, deren Leiden nicht im körperlichen Schmerz, sondern in der aufgezwungenen geistigen Verdunkelung besteht. Dass aus diesem Film ein neues Wort in die Alltagssprache überging – „Gaslighting“ –, ist keine beiläufige Kuriosität, sondern die eigentliche Krönung: Das Spiel, das man ihr im Film antat, hat in der Realität die Sprache selbst verwandelt. Und so ist Ingrid Bergman in Gaslight nicht nur die leidende Frau im viktorianischen Haus – sie ist die Patronin all jener geworden, die gegen das Dunkel der Lüge ihre innere Helligkeit zu bewahren suchen.

2. Anastasia
Unvergesslich auch „Anastasia“: hier verwandelt sich Bergmann in jene fragwürdige Gestalt zwischen Betrug und Wahrheit, zwischen Märchen und politischer Intrige. Und vielleicht war dies ihre eigentliche Meisterrolle: das Gesicht der Verlorenen darzustellen, die sich ein anderes Leben aneignen, und darin die Schönheit einer zweiten Geburt erahnen. Ja – das geht und gelingt: Die Möglichkeit einer zweiten Geburt – dass ein Mensch, der alles verloren hat, in einer neuen erdichteten Rolle zu seiner Würde zurückfindet.

3. „Stromboli“ und „Viaggio in Italia“
Nicht zuletzt die Filme mit Roberto Rossellini – ihre Titel „Stromboli“ und „Viaggio in Italia“. Diese beiden Streifen erschütterten jene bürgerliche Welt, welche sich über die Verbindung von Bergmann und Rossellini, also einer Hollywood-Göttin mit einem neorealistischen Regisseur, erregte. Aber gerade dort, in den kargen Vulkanlandschaften nahe des Vesuvs und im Schweigen seiner Lavafelder, entfaltete sich Ingrid Bergmans Größe. Sie, die zuvor als Engel und Heilige gegolten hatte, wurde zur Frau im Exil, zur Suchenden, zur Figur, die auf eine Erlösung wartet, die nur aus dem Unsichtbaren kommen kann – und dann auch kommt, während einer Prozession hinter dem Rücken einer hölzernen Muttergottesfigur.

4. Casablanca
In der Hauptsache aber denke man an den Streifen „Casablanca“. Das ist wohl der bekannteste unter den Bergmann-Filmen. Neben Humphrey Bogart, dessen Gesicht schon damals ein Relief aus Skepsis, Enttäuschung und lakonischem Übermut gewesen ist, erscheint Ingrid Bergman wie das genaue Gegenbild. Ein Antlitz von schlichter Melancholie, Augen, die nichts anderes ausdrückten als die unvermeidliche Tragik dessen, wie Liebe und Schicksal irgendwie nicht zusammen passen, dadurch aber dann gerade doch … Der Film „Casablanca” ist zur Legende geworden, doch seine ewige Szene – die verhaltene Leidenschaft, die sich nicht erfüllen darf – trägt den Namen Ingrid Bergman wie eine flammende Schrift vor sich her. Und – ganz nebenbei lernen wir, ob einer zum Freund wird oder Feind bleibt, das entscheidet sich erst im allerallerletzten Moment. Im Augenblick der Wahrheit. Dieser ereignet sich in der letzten Minute des Films. Man muss ihn einfach gesehen haben!

Dass Ingrid Bergmans Geburtstag und auch der Todestag dasselbe Datum belegen, scheint uns einen verdeckten Hinweis darauf zu geben, dass das Leben dieser Frau von Anfang an dem Drama zugehörte und sie selbst in ihren Rollen immer das Ineinander von Anfang und Ende, von Versprechen und Verhängnis verkörperte. Es ist auch mehr als eine zu vernachlässigende Koinzidenz, dass eben dieser 29. August der liturgische Tag der Enthauptung Johannes des Täufers ist – des großen alten Zeugen, der mit dem Verlust des eigenen Hauptes die Wahrheit seines Lebens bekräftigte. So liegt über diesem Datum ein Doppelsinn von Opfer und Vollendung, der sich wie ein geheimes Siegel auch auf das Leben der Schauspielerin legte – und auf viele, die Ingrid Bergmann mögen und verehren.
Ihr Antlitz gehört zu den wenigen, die nicht altern, weil sie nie der Mode angehörten …

Geburtstagsgruß und Trauerflor am 28. August 2025

Es ist bekannt, dass damals ein Naumburger Superintendent namens Wilhelm Horn die Bestattungsrede auf Friedrich Wilhelm Nietzsche gehalten hat, an jenem 28. August im Jahre 1900. Was wird dieser Geistliche verlautbart haben lassen? Wir wissen es nicht – irgendetwas in akademisch-protestantischem Ton wird es schon gewesen sein – mit christlich versöhnlichem Schlussakkord. Von Horn selbst ist biografisch nichts überliefert – jedoch bleibt sein Anteil an Nietzsches funeralem Abschied hoch zu ehren. Der Naumburger Superintendent garantierte den kirchlich-formal würdigen Rahmen also auch für jenen Denker, der dem Christentum so unerbittlich den Kampf erklärt hatte. Das allein macht Horn zu einer bedeutenden Figur am Scheideweg zwischen Religion und Philosophie. 

Hätte man damals einen Mann wie Marcel Reich-Ranicki gebeten, rühmende Worte am Sarge des umstrittenen Philosophen zu verlieren, könnten wir mit diesem Beitrag einen hübschen Band „Leichenpredigten für Bruder Fritz aus Röcken“ eröffnen – und bei jeder Seite bitter schlucken und zugleich lachen. Hier nun vorab sozusagen der erste Beitrag eines solch feinen Büchleins, das freilich noch nicht erschienen ist. Ganz in Reich-Ranickis feuilletonistisch-theatralischem Gestus. Bissig, emphatisch, pointiert. Dieser einmalig schräge Literaturkenner aus Włocławek –  „halb Pole, halb Deutscher, aber ein ganzer Jude“, wie er selber Günther Grass gegenüber seinerzeit behauptete – hätte Nietzsche nicht verklärt, aber in einer Mischung aus Bewunderung und ironischer Distanz gefeiert, mit präziser Benennung aller seiner Werke, mit raschen Inhaltsstrichen und großer Geste zum Schluss. Und das wäre ein Anreiz dafür, sofort in eine gute Buchhandlung oder übersichtlich sortiertes Antiquariat zu eilen, um dasselbe mit einer Auswahl der Bücher Nietzsches zu verlassen …

Meine Damen und Herren,
wir nehmen heute Abschied von Friedrich Wilhelm Nietzsche. Ja, von dem Mann, der uns das deutsche Denken zerrissen hat wie kein anderer. Ein Philologe, ein Philosoph, ein Dichter – und einer, der sich selbst zum Schicksal stilisierte und sich als Dynamit bezeichnet hat. Dass wir diesen Abschied am heutigen Geburtstag Johann Wolfgang von Goethes begehen – welch eine Ironie! Goethe, der Olympier, der Versöhner, der Liebling der Musen. Und Nietzsche, der Sprengmeister, der Verneiner, der Unglückliche. Zwei Deutsche – gegensätzlicher geht es nicht. Und doch, man glaubt es kaum, im Elysium treffen sie sich.

Was hat Nietzsche hinterlassen? Bücher. Zuerst die „Geburt der Tragödie”. Ein junges Genie, berauscht von Griechenland, von Wagner, von dessen Musik und dem Mythos. Dann die „Unzeitgemäßen Betrachtungen” – Essays voller Galle, gegen Historismus, gegen Philistertum. Hier war schon der ganze Nietzsche da, provokant, gegen den Strom.

„Menschliches, Allzumenschliches”, „Morgenröthe”, „Fröhliche Wissenschaft” was für Tiel sind denn das? Generalangriff auf Metaphysik, auf Religion, auf alle frommen Lügen. „Gott ist tot.“ Ein Satz, der Europa erschüttern sollte. Europa? Die ganze Welt!

Und dann – „Also sprach Zarathustra”. Meine Damen und Herren, das ist kein Buch, das ist ein Oratorium! Hymnen, Gleichnisse, Übermensch, Ewige Wiederkunft – Pathos, Übermaß, ja, auch Größenwahn. Aber man kann sich ihm nicht entziehen.

Die späten Werke – „Jenseits von Gut und Böse”, „Genealogie der Moral”, „Götzen-Dämmerung”, „Der Antichrist”, „Ecce homo” – sie sind Raserei und Klarheit zugleich. Polemik in höchster Vollendung.

Und nun, da er tot ist, wollen wir sagen: Nietzsche war ein Zerstörer. Ja! Aber einer, der zerstörte, um zu zeigen, wie schwach unsere Fundamente sind. Er war unbequem, ja unerträglich. Aber er war – groß.

Und deshalb, meine Damen und Herren, lassen Sie mich Ihnen ein Bild zeichnen. Im Elysium, im Garten der Seligen. Goethe sitzt dort, heute an seinem 276. Geburtstag. Er nippt am Wein, er lächelt milde, olympisch, wie immer. Und siehe da – es tritt Nietzsche ein. Zerzaust der Bart, zerbrochen die Seele und doch voller Glut. Goethe erhebt sich, geht ihm entgegen und sagt: „Mein Freund, du hast viel zerstört – aber auch viel enthüllt. Willkommen.“ Und Nietzsche? Er lächelt. Zum ersten Mal wirklich lächelt er versöhnt.

Meine Damen und Herren, das ist der Trost, den wir haben. Dass diese beiden Deutschen – der Versöhner und der Zerstörer – im Jenseits nebeneinander spazieren gehen. Und dass wir, die Zurückgebliebenen, lernen: Ohne Goethe kein Maß. Ohne Nietzsche keine Wahrheit. Vielen Dank.

GEORG FRIEDRICH WILHELM HEGEL Heimholungen

Heimholung des Glaubens und des Denkens
Es gehört zu den elementaren Erfahrungen jedes einzelnenMenschen, dass der eigene Glaube nie eine stabile Größe ist, die einmal gewonnen, gleichsam als gesichertes Kapital aufbewahrt werden könnte. Der Glaube atmet. Er ist den Rhythmen des Körpers, den Stimmungen der Seele, den Schwankungen der Lebenslage ausgesetzt. Schon wenige Zehntelgrade Körpertemperatur genügen, um die Gewissheit der Nähe Gottes in einen flackernden Schatten zu verwandeln. Wer Fieber hat, glaubt anders, als wer sich bei heiterer Gesundheit wähnt. Der Glaube ist, wie der Mensch selbst, ein verletzbares, durchlässiges Geschehen.

Gerade darum ist die Einbindung des Glaubens in das allgemeine Denken und geregelte Nachdenken nicht Luxus, sondern bittere Notwendigkeit. Das Denken schafft nicht den Glauben, aber es umhegt ihn, gibt ihm Halt und Richtung, wie der Deich das Wasser fasst, ohne es dadurch erstarren zu lassen. Man könnte sagen: der Glaube braucht die Denktradition, um nicht von den Windstößen des Augenblicks verweht zu werden. Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat diese Überlegung mit einer gedanklich fast unendlich großen Geste aufgefächert: Dass der menschliche Geist nämlich sich seiner selbst bewusst wird, indem er seine eigene Subjektivität übersteigt und als etwas Vereinzeltes in das Allgemeine aufnimmt.

Und doch – wer nur den Deich baut, wer nur den Maßanzug des philosophischen Systems anlegt, der merkt bald, dass der Glaube zu atmen aufhört. Er wird grau, langweilig-bürgerlich, ordnungsgemäß. Er verliert sein glitzerndes Kolibri-Gesicht, das bunte Aufblitzen der unverwechselbaren Begegnung. Die Gefahr des „Glaubens im Dresscode“, in dem das religiöse Leben die Züge einer ewig gleichen Systematik annimmt, aber die anarchische Lust des eigenen Feuers verliert.

Die Aufgabe ist also doppelt: den brüchigen persönlichen Glauben durch das Denken zu stabilisieren, aber zugleich das allgemeine Denken durch den persönlichen Glauben farbig zu halten. Das ist der Prozess wechselseitiger Heimholung: Das Denken führt den Glauben in den stillen Hafen eines fast schon sicheren Besitzes – studere im Wortsinn: sich mühen, sich üben, durch Disziplin ein Refugium zu schaffen. Aber zugleich muss der Glaube das Denken zurückholen aus der Nüchternheit seiner Bibliotheken und Hörsäle, hinein in die Boudoirs der Subjektivität, in jene innersten Kammern, wo der Mensch in seiner Einzigkeit Gott begegnet.

So entsteht eine Bewegung, die man dialektisch nennen könnte – oder, einfacher: ein Atmen zwischen diesen beiden eben beschriebenen Polen. Der persönliche Glaube wird universalisiert, damit er Bestand hat. Das universale Denken wird personalisiert, damit es nicht zur toten Formel verkümmert. Hegel selbst hätte wohl das Ganze unter den Begriff des „Aufhebens“ gestellt: Bewahren, Überwinden und Neuwerden in einem.

Das Schöne, ja das Erhabene liegt darin, dass der Glaube eben nicht einfach Besitz ist, sondern Weg – und dass das Denken nicht Feind des Glaubens ist, sondern dessen kritisch ermunternder Freund. Manchmal ein Freund, der mit scharfem Witz fragt, ob die bunten Vögel im Innern nicht längst ausgestopft sind. Aber gerade dieser Witz, dieses ironische Funkeln, bewahrt davor, den Glauben zu verwechseln mit einer wohlgenormten Bürgerpflicht oder infantilen Regression.

Am 255. Geburtstag Hegels dürfen wir darum heute festhalten: Der Glaube bleibt persönlich, wenn er denkt. Und er bleibt wahr, wenn er sich nicht scheut, den grauen Maßanzug des Allgemeinen im Schrank hängen zu lassen, um im bunten Kleid der Subjektivität Gott zu suchen …

DIE LETZTEN AUGUSTTAGE ALS Nest des Weltgeistes

Das Nest der letzten Augusttage …
Besondere Kalenderwochen. Es gibt sie. Als stille Depots menschlich besonderer Schicksale. Dort ist gut sein. Auch besonders die Zeit vom 25. bis 28. August ist gemeint. Hier bildete sich sozusagen ein Nest, in dem sich große Geister mit ihren Jubiläen zusammenkauern wie Vögel, welche vor dem herbstlichen Abflug gen Süden noch einmal sorgsam die Schwungfedern ordnen. Herder, Hegel, Goethe, Nietzsche – und, fast wie ein ironischer Nachsatz der Weltgeschichte, auch Mutter Teresa. Ein stolzes Panoptikum, das von der deutschen Klassik bis zur globalen Caritas reicht. Ludwig II. – der Bayernkönig, dem wir Neuschwanstein zu verdanken haben, samt der Finanzierung des Wagnerschen Rings. Den dürfen wir ebenfalls nicht vergessen … 

„Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.“ Auch der bekannte Vers Rainer Marias spricht zu uns in diesen Tagen. Der August endet nicht sang und klanglos, nein, nein –  er macht vorher Inventur. Er legt die Schatten auf die Sonnenuhren, er bläst den ersten Wind über die Fluren. Es ist die Stunde, in der die Biographien selbst wie Jahreszeiten erscheinen: Goethe als der Sommer, übervoll und maßlos schöpferisch; Nietzsche als der stürmische Übergang, der plötzlich abbricht; Hegel als der Herbstdenker, der alles Fallen und Reifen in ein System der Aufhebung einsortiert und nichts verloren gehen lässt.

Nietzsche starb am 25. August 1900 in Weimar. Man könnte fragen: War da ein Pfarrer, ein Prediger, ein Wort aus den Psalmen zu hören auf dem Naumburger Friedhof? Man weiß, dass seine Schwester Elisabeth die Zeremonie organisierte. Sie sorgte für die bürgerliche Korrektheit des Abschieds. Aber man darf vermuten, dass Nietzsche auch im Tod weitgehend sich selbst überlassen blieb. Ein Mann, der das Christentum zerschlagen wollte und doch wie ein Mystiker klang, wenn er von Ewigkeit und Wiederkunft sprach. War er nicht, in einem paradoxen Sinn, ein frommer Mann? Einer, der sich im Ringkampf mit Gott so tief verstrickte, dass er bis heute unversehens in die Nähe Jakob/Israels geraten ist?

Hegel hätte hier gelächelt – ein Lächeln, das Spott und Anerkennung zugleich war. Für ihn war Spott die ironische Vorstufe zur Vergöttlichung. Wer wie Nietzsche alles verneinte, war im Grunde schon unterwegs zur höheren Bejahung. In der Dialektik des Geistes ist das Nein nur der Umweg zum Ja. „Der verlorene Sohn“, so hätte Hegel gemurmelt, „hat sich etwas weit verlaufen, sehr weit sogar – aber er wird zurückfinden. Wenn vielleicht auch erst im absoluten Geist.“

Herder, der am Sterbetag Nietzsches (25. August) Geburtstag feiert, bringt noch eine andere Note hinein. Er ist einer der frühen Sänger gönnerhafter Humanität, ein Lehrer von Sprachbildern und Seelsorger spätromantischer Empfindsamkeit. Neben Hegel wirkt er wie ein großer Bruder, der die Melodie vorprägt, die später der Philosoph in Berlin zu ungebremster Systemmusik anschwellen ließ. Goethe schließlich, der am 28. August (am Begräbnistag Nietzsches) Geburtstagsglückwünsche entgegen nimmt, thront über allem. Er ist der Sonnenkönig, dessen Werk wie ein unerschöpflicher Stern in tausendfältigen Eruptionen seine strahlenden Energien verschleudernd vergeudet. Goethe steht für einen Sommer, der sich weigert zu vergehen, auch wenn die Schatten länger werden. 

Und dann noch – nicht zu vergessen – Mutter Teresa. Die späte, katholische Fußnote allergrößter Barmherzigkeit. Sie ruft uns zu: Nicht nur Geist, auch Barmherzigkeit hat ihre Daten im Festkalender des Jahres. Dialektik allein ist zu trocken. Die Hände müssen den Armen dienen, nicht nur der Kopf den Begriffen.

So liegt in diesem „Nest der letzten Augusttage” ein merkwürdiges Gleichgewicht: Pathos und Predigt, Dialektik und Barmherzigkeit, Sonne und Schatten. Wir verabschieden den Sommer, aber wir verabschieden uns nicht von der Fülle. Hegel würde sagen: „Das Ganze bleibt.“ Und der alte Ratzingerpapst würde hinzufügen: „Du bleibst, weil alles Nein von einem größeren Ja getragen ist, das hinter den Widersprüchen waltet.“

Und wir, die wir diese Tage bedenken, stehen dabei auf einer besonderen und irgendwie höheren Schwelle. Wir hören Hegels weltgeistreichen Spott, wir schauen auf Nietzsches Grab in Röcken, wir feiern Goethes mittägliche Geburt und staunen über die gute Mutter Teresa in Kalkutta. Das ist eine sehr anspruchsvolle Lektion, die da in dem täglich milder werdenden Augustlicht uns präsentiert wird: Der Sommer des Geistes war sehr groß.  Unser Geist darf sich davon bescheinen lassen.

Die Predigt vom Sonntag Trinitatis


Ein einfaches Verkehrszeichen an unseren Straßen – rot umrandet, auf seiner festen Basis ruhend – zeigt uns einen springenden Hirsch. Viele fahren daran vorbei. Aber der geistlich Sehende verharrt innerlich, schaut, fragt – und beginnt zu hören, was das Zeichen sagt.
Denn dieses Zeichen ist mehr als ein verkehrsrechtlicher Hinweis. Es ist eigentlich auch ein mythisch-dogmatisches Mosaik, das in sich das animalische Symbol der Naturvölker verbindet mit der metaphysischen Ordnung der christlichen Trinitätslehre, ja geradezu verheiratet – auf eine Weise, die uns mahnt, das ursprünglich „heidnisch-animalische“ nicht zu verachten, sondern es – wie der Heilige Paulus auf dem Areopag – in die Fülle der Wahrheit zu führen und dort auszuwildern zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.
I. Das Dreieck – die göttliche Ordnung
Das Dreieck ist ein uraltes Symbol, und im Christentum wird es zur Gestalt des Göttlichen selbst erhoben. Drei Seiten – und ein Wesen. Drei Personen – als ein Gott. Das Dreieck ruht auf seiner Basis, weil die Trinität keine spekulative Konstruktion ist, sondern eine Ordnung, die tatsächlich alles tragen kann. Der Vater ist Ursprung, der Sohn ist der durch ihn einzigartig Hervorgegangene und der Geist ist das Band großen Wohlgefallens zwischen beiden. Die beiden aufstrebenden Linien führen zu ihm als Scheitelpunkt. Das Dreieck balanciert nicht unsicher auf der Spitze, sondern ist fest. In sich bergend einen Raum für ewige Bewegung, ein Ineinander von Ursprung, Wort und Hauch.
Das Zeichen ist rot umrandet – Warnung und Grenze. Es sagt: Bis hierher und nicht weiter, nicht aus Willkür, sondern aus Achtung vor dem Heiligen. Denn was sich in diesem Zeichen vollzieht, ist nichts Geringeres als göttliche Wirklichkeit.
II. Der Hirsch – die animalische Majestät
Und so springt – mitten in dieser göttliche Ordnung – ein Hirsch. Das Tier, das bei unseren keltischen Vorfahren mit dem Gott Cernunnos verbunden war – einem gehörnten, schweigenden Wesen, das nicht herrscht, sondern durchdringt. Der Hirsch war Brücke zwischen Wildnis und Weisheit, denn sein Gehörn tritt aus dem Haupt in den Raum des geistigen hinaus, wie bei dem König die Krone das Haupt mit dieser Sphäre verbindet. Der Hirsch trägt ein Geweih. Ja – eine Last! Die wächst ihm aus dem Schädel, aus dem Haupt. Ein Gebilde aus Knochen, Geist und Stolz – eine natürliche Krone. Kein anderes Tier trägt seine geistige Kraft derart sichtbar auf dem Haupt.
In der alttestamentlichen Bildwelt taucht der Hirsch auf: „Wie der Hirsch lechzt nach Wasserbächen, so lechzt meine Seele nach dir, o Gott“ (Ps 42). Die tierische Gestalt wird hier zum Spiegel des menschlichen Begehrens nach dem Göttlichen. Von hierher lässt sich das Entscheidende verstehen: Das Geweih ist die Naturvariante dieses besonderen theologischen Gedankens, dass das Geistige aus dem Haupt hervortritt.
III. Die Geburt Athenes – Mythos als Vorspiegelung
In der griechischen Mythologie wird diese Vorstellung grandios entfaltet:cAthene, die Göttin der Weisheit, wird nicht geboren aus einem Mutterleib, sondern aus dem Haupt des Zeus. Dieser Allvater genannte vorchristliche Gott, geplagt von göttlichen Kopfschmerzen, ruft eines Tages den Schmiedegott Hephaistos. Und Hephaistos spaltet – mit chirurgischer Kunstfertigkeit – den Schädel des Zeus, aus dem Athene, die Göttin der Weisheit in voller Rüstung entspringt: eine Geburt des reinen Geistes aus der Mitte des Denkens.
Ein uralter Mythos – und doch: eine Vorabschattung späterer Erkenntnis und kluger Ahnung. Denn genau dies bekennen wir Christen in tiefster Umkehrung: Der Sohn geht als ewiges Wort aus dem Willen Gottes hervor, wie Johannes es sagt: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“
Was im alten Mythos in solchen Bildern auf bunt-brutale Weise dramatisch geschieht – Spaltung, Eröffnung, Offenbarung – geschieht im Dogma als begrifflich nüchterne Überlegung im versuchten Blick auf das innerstes Leben Gottes.
IV. Der Hirsch im Dreieck – eine Verschmelzung
Wenn wir nun den Hirsch mit seinem Geweih innerhalb des göttlichen Dreiecks springen sehen, verstehen wir: Das, was in kurzschlüssiger Weise manchem als überholt und heidnisch galt, fand in der Theologie der Alten Kirche seinen Ort bis auf den heutigen Tag. Das Tierische wird eben gerade nicht ausgeschlossen, sondern geheiligt. Der Sprung ist kein Angriff, sondern Teilhabe. Der Hirsch trägt das Geweih wie ein Gleichnis für das Hervorgehen des Geistes aus dem Haupt – und bewegt sich inmitten der göttlichen Ordnung. Er erinnert uns:
Der Geist Gottes ist nicht nur windgleich, unsichtbar, abstrakt. Er durchwächst das Sichtbare, sprengt hervor – wie Athene, wie das Geweih. Und er kann jederzeit in dein Leben springen – als sanfte Taube wie als warnender Hirsch.
V. Conclusio
Das Zeichen steht fest: ein Dreieck, das trägt. Doch in ihm lebt der Sprung, das Tier, das Symbol, das uns ganz fremd Reale.
Das wirklich reflelktierte Christentum hat nie ganz davor zurückgeschreckt, sich an das Mythische zu binden, nachdem es daselbe zu taufen versucht hat – das Geweih des Cernunnos wird zum Attribut des Christushirschs, der aus dem Haupt des ewigen Vaters hervorgeht.
Achte ab heute ein wenig mehr als sonst auf dieses Zeichen. Es ist nur vielleicht ein Schild am Straßenrand. Mehr noch ist es eine Ikone der Wahrheit – und du bist es, der darauf aufmerksam gemacht wird, dass das Göttliche immer im Begriff ist, deinen Weg zu kreuzen.

die Predigt vom Pfingstmontag

CÄSAREA PHILIPPI – UND DER SCHLÜSSEL ZWISCHEN DEN WELTEN
Pfingstmontag · 9. Juni 2025 · Sonneberg
(Mt 16,13–20)

Wir hörten vorhin auf den Bericht eines kleinen, aber folgenreichen Details aus dem Leben Jesu. Matthäus schreibt, dass Jesus mit seinen Jüngern durch die Gegend von Cäsarea Philippi zog. Dieser Ort liegt an einer Schwelle – geografisch, geistig, kultisch. Eine Zone der Übergänge, an der sich die Welten kreuzen. Ideologisch aufgeladen, voller Erinnerungen an alte Kulte, große Namen, vergessene Götter.


Früher hieß der Ort Paneas, benannt nach dem griechischen Hirtengott Pan, einem Wesen aus der Zwischenwelt von Tier und Mensch, Trieb und Ton, Fruchtbarkeit und Freiheit. Pan war kein Dämon, sondern in der Vorstellungswelt der Antike der Gott der Durchdringung – er stand für Naturmystik, Rausch, Ekstase, aber auch für tiefes Wissen um das Heilige im Nichtgemachten.
Dort, in einer Grotte am Fuß des Hermongebirges, wo das Wasser des Jordans an die Oberfläche tritt, befand sich ein Kultplatz. Nicht nur für Pan, sondern auch für andere Götter: Zeus, Baal, Astarte. Alles, was dem Menschen durch Leib, Lust, Natur und Rhythmus heilig erschien, war hier konzentriert. Nicht als „Aberglaube“, sondern als Ahnung – eine Ahnung, dass die Welt durchwirkt ist, dass es keine bloß materielle Wirklichkeit gibt.

Und genau hier, in dieser Grotte zwischen Quelle und Stein, stellt Jesus seinen Jüngern eine Frage, die bis heute nicht veraltet ist:

„Was sagen die Leute, wer der Menschensohn sei?“

Die Antworten der Jünger klingen wie ein biblischer Pressespiegel. Man vergleicht ihn mit Johannes dem Täufer, mit Elia, mit Jeremia. Achtungsvolle Vergleiche – aber keine Antwort aus eigener Erfahrung. Jesus drängt weiter.

„Ihr aber – was sagt ihr, wer ich bin?“

Das ist der Umschlagpunkt. Jetzt spricht kein Theologe, kein Überlieferer. Jetzt antwortet ein Mensch – Simon, später Petrus genannt.

„Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“

Und hier, genau an dieser Stelle, wird das Heilige persönlich. Jesus erkennt: Diese Antwort ist nicht aus Menschenlogik hervorgegangen. Sie ist nicht gelernt oder gehört, sondern gegeben. Eine Einsicht, die wie ein Lichtblitz über Simon kam – nicht aus dem Denken, sondern aus Berührung.

Jesus antwortet mit einem Satz, der in der Weltgeschichte nachhallt:


„Selig bist du, Simon Bar Jona … Ich aber sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen. Die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreiches geben: Was du auf Erden bindest, wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden löst, wird auch im Himmel gelöst sein.“

Dieser Satz, gesprochen zwischen Jordanquelle und Göttergrotte, ist kein Verwaltungsakt. Er ist sakramentale Verdichtung. Petrus erhält nicht Macht im modernen Sinne, sondern eine Verbindungskraft – zwischen Erde und Himmel, zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, zwischen Pan und Christus, Natur und Offenbarung.

Binden und Lösen – das meint: Schuld nicht ignorieren, aber verwandeln. Beziehungen nicht dominieren, aber durchlichten. Verantwortung nicht delegieren, sondern vollziehen – mit einem Schlüssel, der nicht sperrt, sondern aufschließt.
Und dieser Schlüssel ist kein Symbol. Er ist ein Handeln mit dem Unsichtbaren. Wenn ein Mensch wie Petrus spricht, urteilt, tröstet oder verzeiht, dann klingen die Kuppeln des Himmels mit.

Nicht umsonst hat man im Zentrum des Christentums – in Rom – über dem Grab dieses Petrus eine Kuppel gebaut. Eine Kuppel über einem Bekenntnis, das stärker ist als Tod und Geschichte. Und genau dort, in goldenen Lettern, rund um den Innenkreis des Doms, steht zu lesen:

Tu es Petrus, et super hanc petram aedificabo Ecclesiam meam – Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen.“

Ich stelle mir vor, wie Jesus damals in der wilden Landschaft des Hermongebirges mit seinen Jüngern steht – auf einem Fels, über einer Quelle, unter einem Baum. Und wie Petrus, der einfache Fischer, in seinen Worten die erste Linie dieser Kuppel zieht. Nicht aus Marmor, sondern aus Ergriffenheit. Nicht mit Zement, sondern mit Zusage.

Und ich stelle mir vor, wie Pan – der Bruder aus den alten Tagen, der Gott der Ziegen und Schatten, der Herr der Quellen – nicht vertrieben wird, sondern zuhörte. Vielleicht zog er sich ein wenig zurück. Vielleicht verbeugte er sich sogar.

Denn in Christus wurde seine Naturmystik verwandelt:
Das Wasser blieb Wasser – aber es wurde Taufwasser.
Der Wind blieb Wind – aber er wurde Geist.
Der Rausch blieb Rausch – aber wurde Pfingsten.
Die Panflöte blieb Musik – aber Christus spielte darauf.

Die Kirche, die seither wächst, lebt nicht vom Ausschluss der Vergangenheit, sondern von ihrer Verklärung. Nicht gegen Pan, sondern über Pan hinaus. Nicht ohne Grotte, sondern mit Kuppel. Das Christentum ist keine Entzauberung, sondern eine Heiligung der Welt – durch ein Wort, das tief hinabsteigt und bis in die Quelle reicht.
Wenn wir heute nach dem Heiligen Geist fragen – was wäre, wenn er nicht vom Himmel fällt, sondern aus der Tiefe aufsteigt? Was wäre, wenn auch wir – wie Petrus – eine Antwort finden müssten, die nicht gelernt, sondern geschenktist?
Dann wäre Gemeinde nicht bloß Verwaltungsstruktur, sondern Pfingstgemeinschaft:
Getauft in Pan, verwandelt durch Christus, gehalten von einer Kuppel, die Himmel und Erde zugleich ist.
Amen.

8. Juni 2024 um 13.30 Uhr DIE VIERTELSTUNDE in St.Nikolaus Judenbach

… am TAG DER JUDENBACHER VEREINE – die besondere Viertelstunde: Zwei Magnethunde finden mit Hilfe der befreundeten K. I. endlich den einzigen und wahrhaftigen Gottesbeweis für Spielzeuge.

Was erwartet Euch? Kleine Musik und ein Gedicht für den Nachmittag. Von 13.30 Uhr bis 13.45 Uhr in der Kirche St.Nikolaus Judenbach. Das ließen wir uns nicht entgehen …

Kurz mal reinhören? << HIER >>

In einem kleinen, bunten Kinderzimmer, wo das Spielzeug lebendig wurde, sobald die Menschen nicht hinsahen, lebten zwei kleine Magnethunde. Schwarz und Weiß waren sie, wie die Nacht und der Tag, und sie waren die besten Freunde. Eines Tages sagte der schwarze Magnethund: “Weißt du, ich habe nachgedacht. Ich glaube, ich habe einen Beweis für die Existenz Gottes gefunden.” Der weiße Magnethund, neugierig und aufgeregt, wedelte mit seinem Schwanz. “Erzähl mir mehr!”, sagte er. Der schwarze Magnethund begann seine Erklärung: “Siehst du, wir sind Spielzeuge, und jemand muss uns erschaffen haben. Wir haben Magnete in uns, die uns zusammenhalten, und Farben, die uns schön machen. Jemand mit einer großen Vorstellungskraft muss uns entworfen haben, und ich glaube, das könnte Gott sein.” Der weiße Magnethund dachte einen Moment nach und dann leuchteten seine Augen auf. “Das macht Sinn! Wenn wir erschaffen wurden, muss es einen Erschaffer geben. Und wenn wir uns vorstellen können, dann kann der, der uns erschaffen hat, sich noch viel mehr vorstellen!” So glaubten die beiden kleinen Magnethunde an einen großen Erschaffer, und obwohl sie nur Spielzeuge waren, fühlten sie sich verbunden mit etwas Größerem als dem Kinderzimmer, in dem sie lebten. Und von diesem Tag an, wenn die Kinder nicht hinsahen, sprachen sie über die großen Fragen des Lebens und fühlten sich nie allein, denn sie wussten, dass irgendwo, vielleicht weit weg, jemand war, der an sie dachte.

500 Jahre Evangelisches Gesangbuch

Aus dem Wust vorheidnischer Mythen und finsterster Bräuche erhob sich eines Morgens das Christentum zu ersten freien Flugversuchen. Endlich schien über der verglimmenden Asche früher urheidnischer Altäre ein ganz neuer Vogel zu schweben. Er wollte, um Kraft zu sammeln, sich nie wieder in Kot und Totengebein niederlassen. Hierin gleicht die christliche Lehre vom menschenfreundlichen Gott Christus dem Mauersegler, welcher sogar im Schlafe fliegen, bzw. fliegend schlafen kann. Jüdische Eingottverehrung und griechische Religion leisteten Hilfestellung. Das Christentum verschmilzt beides bis jetzt so genial miteinander, dass eine hauchdünne und trotzdem haltbare Gold-Folie ausgespannt wurde, auf der die Bilder des menschlichen Lebens neu gemalt erscheinen. Die Angst wird weniger, die Kraft zum Handeln stärker. Die Ruhe größer, der Hass kleiner, – hin und wieder stellt sich sogar Frieden ein. Der Tod erscheint in neuem Licht, – das Leben in prächtigerem Glanz. Gott bleibt nicht angstmachender Seelenschreck, sondern wird hilfreiche Variable, um die Ungleichungen des Lebens aufzustellen – und oft sogar zu lösen. Wer hätte das gedacht? Der Hang zur unbarmherzigen Selbstverurteilung weicht entspanntem Vertrauen. Später rückt sogar die alte Feindin „Welt“ wieder näher – und wird zur Freundin. Man darf sie verbessern; Gott hat dafür jede Menge Freiraum gelassen. Umgang mit Schuld gestaltet sich anders. Keiner muss sich selbst mehr hassen und/oder andere zerstören. Gottes Sohn hat für alle Zeiten alle Schuldzahlungen beglichen. Die Lehre von der leiblichen Auferstehung blieb bis heute die härteste Währung auf dem Basar der Hoffnung. Und, das ist das Besondere, – niemand muss das glauben. Man toleriert die Distanz sowohl der Skeptiker als auch der Dauernörgler freundlich. Oft hat man ja selber Zweifel – dann aber wieder auch nicht! Unser gutes altes Christentum, – die letzten 500 Jahre und die Zeit davor. Von all diesen wunderbaren Sachen um Heil und Erlösung kreisen die Melodien und Texte unseres Evangelischen Gesangbuches. Alles, auch besonders dasjenige, was noch kommen könnte, sei mit festem Mut und erprobtem Liede begrüßt. Mit der genialen Übersetzung des Neuen Testaments Martin Luthers kann man weiterhin gut unterwegs sein. Und mit den Gesängen aus der Zeit der Gregorianik bis hin zu Manfred Schlenker sowieso …

Invokavit

Am kommenden Sonntag Invocavit hören wir wieder die Geschichte von der Versuchung Jesu (Mt 4,1-11). Drei Verführungen präsentiert der Text: Wunderschein, Übermut, Macht. Viele Zeitgenossen sind heute davon überzeugt, es mache keinen Sinn mehr, von einem guten Gott zu reden – und man dürfe sich deshalb bei eigenen Plänen auch der Kraft des Bösen bedienen.

Jesus entschied anders. Er verwandelt Steine nicht in Brot, um die Sinne des Leibes zufrieden zu stellen. Er sprang auch nicht vom Dach des heiligen Tempels, um sich selbst und irgendwelchen Frauen zu imponieren. Er verschrieb seine Seele nicht dem Teufel, um Millionen hinter sich zu scharen, die ihm zugejubelt hätten „Wir sind das Volk!“ Denn der Mensch lebt erstens nicht vom Brot allein. Ihm sind zweitens Grenzen gesetzt, die man nicht ungestraft hinausschiebt. Und drittens gilt es, der Verführung zu ungeteilter Macht zu trotzen. 
Die Jesus-Geschichte vom Kennenlernen des eignen Gewissen geschah in der Wüste und im Horizont wirklicher Selbstbegegnung – die immer auch Gottesbegegnung bedeutet. Wie der Versucher für Jesus damals ausgesehen hat, wissen wir nicht. Vielleicht glich er dem eigenen seitenverkehrten Spiegelbild? Wir wissen nur, wie die heutigen Versucher aussehen. Und wir kennen ihre Angebote. Die sind durchaus verlockend. Sie suggerieren immer, zu den Richtigen gehören zu können, wenn wir dies oder das aus dem Katalog ihrer Programme tun bzw. dies oder das lassen. Jeder schaue da tief hinein in den eigenen Verstand. Denn dort versteckt sich der Versucher. Er kann sich sowohl mit den Masken der Vernunft unkenntlich – als auch in berechtig scheinenden Spontanaffekten verschwinden machen. Wer könnte ihm je entkommen? Genau deswegen bitten wir im Vaterunser – mehrere Male am Tage: „Und führe uns nicht in Versuchung.“ Oder ähnlich lautend: Führe uns  i n  der Versuchung. Man könnte auch sagen: Und führe uns d u r c h  die Versuchung, a u s  der Versuchung, t r o t z  der Versuchung. 

Stefan George hat 1907 in einem luziden Gedicht geahnt, was alles an ideologischen Verführungen würde kommen können. Es ist immer der Fürst des Geziefers, der sein Reich installieren möchte.  George schrieb gegen die Versuchungen der Neuzeit und beschrieb sie genau. Sein bekanntes Gedicht spielte u.a. eine wichtige Rolle im Kreis der Widerständler des „Geheimen Deutschlands” um Claus Philipp Maria Schenk von Stauffenberg. Das Gedicht heißt DER WIDERCHRIST. Hier in der bei Stefan George unverwechselbaren Orthographie: 

>Dort kommt er vom berge · dort steht er im hain!
Wir sahen es selber · er wandelt in wein
Das wasser und spricht mit den toten.<

O könntet ihr hören mein lachen bei nacht:
Nun schlug meine stunde · nun füllt sich das garn ·
Nun strömen die fische zum hamen.

Die weisen die toren – toll wälzt sich das volk ·
Entwurzelt die bäume · zerklittert das korn ·
Macht bahn für den zug des Erstandnen.

Kein werk ist des himmels das ich euch nicht tu.
Ein haarbreit nur fehlt und ihr merkt nicht den trug
Mit euren geschlagenen sinnen.

Ich schaff euch für alles was selten und schwer
Das Leichte · ein ding das wie gold ist aus lehm ·
Wie duft ist und saft ist und würze –

Und was sich der grosse profet nicht getraut:
Die kunst ohne roden und säen und baun
Zu saugen gespeicherte kräfte.

Der Fürst des Geziefers verbreitet sein reich ·
Kein schatz der ihm mangelt · kein glück das ihm weicht ..
Zu grund mit dem rest der empörer!

Ihr jauchzet · entzückt von dem teuflischen schein ·
Verprasset was blieb von dem früheren seim
Und fühlt erst die not vor dem ende.

Dann hängt ihr die zunge am trocknenden trog ·
Irrt ratlos wie vieh durch den brennenden hof ..
Und schrecklich erschallt die posaune.

Die Zeilen des großen Sprachkünstlers und die Versuchungsgeschichte aus dem Matthäusevangelium blieben und werden (wieder) wichtig! Sie lassen uns erkennen, in welcher Situation wir uns erneut befinden …

der Glasbläser

Da war er also tatsächlich gekommen … Der ihn abholen sollte, er war nun da. „Repatriierung” murmelte der Mann im anthrazitfarbenen Mantel. Am Revers des Kragens war eine kleine silberne Sense zu sehen. Dort, wo früher die Parteiabzeichen gesteckt hatten. „Aus Neusilber?” fragte der Glasbläser. „Platin mit einem Schuss Iridium” antwortete der Mann. Er stellte sich vor: „Ich bin der Tod. Und Du bist der Erwählte. Zur Heimfahrt gilt es sich zu rüsten. Gib deine Hand. Bin Freund – und komme nicht zu strafen.” Der Glasbläser lächelte schwach – und bang. Zwar war man kein kleines Kind mehr, sondern ein alter Mann von 90 Jahren. Aber, nun hieß es mitzugehen – mit diesem seltsamen Fremden in dunklem Mantel. Plantinabzeichen.

Beim Wandern nahm der Fremde wie nebenbei die Personalien des Glasbläsers auf. Name, Geburtsdatum und so weiter. Der Name wurde in eine Zahl umgerechnet – und das Geburtsdatum in ein Wort verändert. Dann las der Glasbläser den Grund ihrer Fahrt auf dem Formularbogen: „Rückführung vom Planeten Erde.” Er bekam irgendeinen Code auf den Hals gedruckt – und weiter ging es. Es ging – irgendwie hinauf. Der Fremde meinte, man müsse jetzt die Grenze überqueren. Und fügte hinzu: „Du solltest nicht hinschauen auf all die Grausamkeiten, die dort sichtbar werden. Du würdest viele Seelen sehen, die sich danach drängeln, wiedergeboren zu werden.” Der Glasbläser erschrak: „Wiedergeboren?” – „Reinkarnation ist der Fachbegriff!” setzte der Fremde hinzu. „Du für deinen Teil wirst endgültig zurückgeführt. Du musst dort unten nichts mehr suchen, weil du dort nichts verloren hast!” 

Der Glasbläser befolgte den Rat des Fremden aber nicht, sondern schaute doch auf die Grenze. Und was er sah – darüber zu berichten sträubt sich die Feder. Nur soviel: Ein Hauen und Stechen geschah da drunten um die vordersten Plätze. Sie wollten alle reich und glücklich werden. Anerkennung und Liebe – darum prügelten sich die armen Seelen, bevor sie in irgendwelche mühsam ergatterten Leiber fuhren, welche zuerst noch ganz klein und unscheinbar waren – Seinsföten oder Daseinsembryonen. Man ahnte schon, wie das Ende wäre … 

Manche freilich müssen drunten sterben,
Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,
Andre wohnen bei dem Steuer droben,
Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne. 

Hatte nicht Hugo von Hofmannsthal genauso gedichtet? Der Fremde unterlag inzwischen einer sonderbaren Veränderung – der dunkle Mantel war lichter geworden, das Angesicht freundlicher. Die Sense verschwunden – in eine Harfe verwandelt. „Aus Platin?” fragte der Glasbläser. „Silber” sagte der Fremde und fügte hinzu „Wundere dich nicht über die Veränderung, die du an mir gewahrst. Ich bin nun nicht mehr nur dein Tod, sondern eines der Engelwesen. Und der Schlag, der dich rührte, gilt hieroben als Ritterschlag, wenn du weißt, was ich meine.” Der Glasbläser: „Wie im Märchen?” – „In etwa” meinte der Engel und die Fahrt ging nun richtig weit hinaus – die Grenze mit den sich streitenden Seelen war nicht mehr erkennbar, nur noch als scharfes Band, das die Welt in zwei Teile zerschnitt. In eine gute und eine bessere.

„Du solltest dich nicht fürchten” sagte der Engel erneut. „Denn du wirst hinfort nicht mehr Glas blasen und die heißen Glutklumpen aufblähen, was dir deine Lunge zerstörte. Sondern du wirst in den Himmeln – denn dahin führt unsere Reise – Welten vergolden. Die Welten, die wir immerfort erschaffen mit Hilfe der Gebete guter und gerechter Menschen von drunten auf der Erde, gewinnen mit etwas Gold auf ihrer Oberfläche eine gewisse Haltbarkeit und Anschauung. Jeden Tag drei Kugeln vergolden und zwischendurch Gesang mit Spiel. Noch was! Bratwurst und Klöße gibt es nicht bei uns heroben. Damit ist es endgültig vorbei. Aber Nektar und Ambrosia sind ausreichend vorhanden.” 

Dann kamen sie an einem Palast vorüber mit großen Spiegelfenstern und der Glasbläser konnte sich darin selber erblicken. Er war gar nicht mehr der vom Leben, vom Nitrolack und dem heißen Nitrat versehrte alte Greis mit dem grämlichen Gesicht und dem Scharfen Husten. Er war ein junger Glasbläsergeselle im Alter von siebzehn Jahren. Ein fescher Kerl – und was er da gerade eben erlebte, war seine Rückführung in die alte Heimat des verloren gegangenen Gartens. Ja, nun – man hatte zwar gewusst, dass da unten keine bleibende Statt wäre – aber man wollte es nie so richtig wahrhaben. „Und kehren alle Migranten von den Planeten, auf die sie verbannt, vertrieben oder entsandt worden waren, zurück?” Wollte er fragen. Aber wusste im Moment der Frage, dass es wohl genauso war. Für immer. 

Mit dem Glasbläser kamen auch viele andere an. Man stellte sich in einer Reihe auf, die zugleich ein Kreis war. Und sah, dass die weiter vorn Stehenden mit ihren englischen Begleitengeln bereits verschmolzen und eins geworden waren. Auf diese Art und Weise kehrte man heim zur ewiglichen Gottesebenbildlichkeit. Unten hatte man immer gedacht, wenn das geschähe, wäre alles vorbei. Aber gar nichts war vorbei … Offenbar fing alles gerade erst richtig an. 

Der Glasbläser richtete sich auf. „Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit.” Murmelte er. Und als er das Wort „Kraft” auf seinen Lippen formte, spürte er, wie der Engel neben ihm verschwand – weil er selber nun dieser Engel geworden war. Wie leicht wog die Harfe in der Hand …

AVE MARIA

Gesang: Sophie Renner / Begleitung: Katrin Krenz
am 22.10.2023 in St.Nikolaus zu Judenbach
(Bilder im Video: Emporenbemalung in der Kirche frühes 18. Jahrhundert)

Die Emporenbilder in St. Nikolaus zu Judenbach

Kleine Beobachtung zu den Tempelaustreibungsgeschichten im Neuen Testament. Beim Evangelisten Matthäus lesen wir, dass Jesus gleich nach seiner Ankunft in der Stadt Jerusalem (Evangelium am 1. Adventssonntag) direkt zum Tempel geht und dort die Händler vom Vorplatz entfernt. Was heißt entfernt! Das griechische Verbum ἐκβάλλειν, mit welchem die bekannte  Aktion des Gottessohnes beschrieben wird, taucht regelmäßig ebenfalls auf, wenn von seinen Dämonenaustreibungen die Rede ist. Auch die Teufel und Dämonen werden ausgetrieben – eigentlich hinausgeworfen. 

In seinem Bericht über die gleiche Angelegenheit erzählt der Evangelist Johannes nicht nur, dass Jesus die Händler und Wechsler aus dem Tempel vertrieb, sondern auch wie das geschieht: Der Meister machte sich eine Geißel aus Stricken (ποιήσας φραγέλλιον ἐκ σχοινίων).

Markus und Lukas variieren das Geschehen des Hinauswurfs zusätzlich auf ihre Weise.  Sie schreiben davon, wie Jesus im Tempel damit b e g o n n e n  hätte, alle Händler hinauszuwerfen (ἤρξατο ἐκβάλλειν). Diese Wendung lässt uns aufhorchen: Als ob Jesus mit der Austreibung der Wechslerdämonie noch gar nicht fertig geworden wäre? Der Hinauswurf dieser Wichte, welche sich im Tempel offenbar im Laufe der Zeit und ihres Kultes haben einnisten können, ist wohl offenbar in vollem Gange? Und dauere bis in unsere Tage an? Wie dem auch sei: Was nicht in den Tempel und sein Umfeld gehört, gehört tatsächlich hinausgeworfen.

Das obige Bildnis stammt aus der Kirche in Judenbach. Judenbach liegt auf der Höhe jener alten Handelsstraße, die über den Rennsteig von Nürnberg nach Leipzig führte. Geschichten des Alten und Neuen Testaments sind auf dem Höhepunkt dieses Weges und seiner Kirche mit Hilfe von vierzig Bildern an den Kassettenfeldern der hufeisenförmig ringsumlaufenden Empore sehr schön zu betrachten. 

Der Beginn der Tempelreinigung hat also schon in Jesu Tagen begonnen, scheint ein langer Prozess zu sein und zieht sich bis in unsere Zeit. Es sind zwölf Händler, denen die Geißel gilt. Die Geißel Jesu ist linksdrehend. Und der Meister Linkshänder. Man kann es deutlich sehen …

Der Dreieinigkeitsgedanke bei C.G. Jung

C.G.Jung (WIKIPEDIA)

Als Knabe hatte Carl Gustav Jung den Konfirmandenunterricht seines Vaters zu besuchen. Und – es war schon oft recht langweilig … Aber der Junge freute sich, dass irgendwann jener Tag kommen musste, an dem die Lehre von der heiligen Trinität Gottes würde behandelt werden. Irgendwann kam dieser Tag. Und mit ihm die große Enttäuschung. Denn der Vater sagte: „Das behandeln wir nicht, – es spielt keine Rolle, ist uninteressant und nicht zu begreifen.”  Wieder einmal hatte irgendwo auf der Welt ein Vater seinen wissbegierigen Sohn enttäuscht. Geschehen im Jahre 1889 in einem kleinen Betsaal nahe der Stadt Basel.

Vater, Sohn und Heiliger Geist. Das ist die Formel. Diese drei sind eins – und diese Eins lässt sich am besten mit Hilfe der Drei bedenken. Jeder Gottesdienst beginnt deshalb im Namen des dreieinigen Gottes. Jede Andacht in der Kirche. Jede Bestattung, jede Hochzeit, jede Taufe und die Konfirmation. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heilgen Geistes. Carl Gustav Jung, als er dann alt und ein berühmter Psychiater geworden war (er starb im 86. Lebensjahr), hat die Lehre von der Trinität Gottes – wie viele vor ihm schon – sehr geschätzt. Der Philosoph Hegel hielt jenes Gedankengebäude, welches im Laufe der Jahrtausende sich um die Idee einer „Dreifaltigkeit des Einen und Einzigen” gerankt hatte, für das Non plus Ultra des menschlichen Geistes überhaupt. Melanchthon schrieb, man könne und müsse das Geheimnis nicht verstehen – aber dürfe und solle es verehren. Freilich gibt es auch Religionen, die die Anstrengung des Begriffs eher scheuen und ihrer nicht mächtig sind. Im siebenten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung etwa bricht sich von Arabien ausgehend eine politische Befreiungsbewegung bis Nordafrika und später den Balkan Bahn, die man als Downgrade der ehemalig hoch in Kurs gestanden habenden jüdisch-christlichen Philosophie und Denkungsart verstanden hat. Das Interesse am denkerischen (auch spielerischen) Nachvollzug des internen Lebensflusses der Gottheit ist ihr erloschen und wird sogar als Gotteslästerung empfunden. Dagegen nimmt das Hochmittelalter die Idee von den Zahlen eins und drei wieder auf und entwickelt sie weiter, nicht ohne den Raum der mathematischen Vorstellungstraditionen damit zu erweitern. Wer Lust hat, das innere Leben der Gottheit gläubig in Gedanken nachzuvollziehen, für den ist die Lehre von der Trinitas Dei (Dreiheit in dem einen Gott) das Basislager für anstrengende und beglückende Aufstiege in die Hochgebirgswelt des erkennen wollenden Geistes an sich.
Hilft es? Ist es tröstlich? Kann ich damit die Gasrechnung bezahlen? Es gibt Dinge, die sind mehr als hilfreich. Mehr als tröstlich. Man kann damit die Gasrechnung nicht bezahlen – aber ihr Feuer brennt und erleuchtet, wenn alle anderen Lichter ausgelöscht und die Lampen des Geistes zertrümmert worden sind. Thomas von Aquin dichtete für das Trinitatisfest das folgendes Lied (EG 223,1):

„1. Das Wort geht vom Vater aus, und bleibt doch ewiglich zu Haus, geht zu der Welten Abendzeit, das Werk zu tun, das uns befreit.
2. Da von dem eignen Jünger gar der Herr zum Tod verraten war, gab er als neues Testament den Seinen sich im Sakrament,
3. gab zwiefach sich in Wein und Brot; sein Fleisch und Blut, getrennt im Tod, macht durch des Mahles doppelt Teil den ganzen Menschen satt und heil.
4. Der sich als Bruder zu uns stellt, gibt sich als Brot zum Heil der Welt, bezahlt im Tod das Lösegeld, geht heim zum Thron als Siegesheld.
5. Der du am Kreuz das Heil vollbracht, des Himmels Tür uns aufgemacht: gib deiner Schar im Kampf und Krieg Mut, Kraft und Hilf aus deinem Sieg.
6. Dir, Herr, der drei in Einigkeit, sei ewig alle Herrlichkeit. Führ uns nach Haus mit starker Hand zum Leben in das Vaterland.”