
Predigt über den Baum (Genesis 2,9)
Liebe Gemeinde, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, am Anfang der Bibel, gleich im zweiten Kapitel, heißt es:
„Und Gott pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin; und mitten in den Garten pflanzte er den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.“
Zwei Bäume. Gegensätzlich – und doch beide von Gott gepflanzt. Der eine schenkt Leben, der andere zwingt den Menschen, die Welt einzuteilen: gut oder böse. Und das ist eine schwere Last. Denn wer von den Früchten dieses Baumes isst, bekommt nicht das Leben (das der andere Baum schenkt) – sondern muss ständig sortieren, urteilen, unterscheiden – und wird so selbst verstrickt in Schuld und Trennung. Das ist der Tod bei lebendigem Leib. Der Baum des Lebens dagegen steht in der Mitte. Er ist wie ein Mittelpunkt, ein Herz: Nahrung, Kraft, Segen.
Wir merken schon: Die Bibel erzählt hier nicht Botanik und von Dendrologie, sondern von uns selbst. Denn auch in uns stehen diese beiden Bäume. Was wir „essen“, was wir denken, womit wir uns füllen – das prägt uns. Heute sagt man: Bauch und Kopf hängen eng zusammen, Darm und Gehirn sehen ja auch fast ganz ähnlich chaotisch aus. Unsere Gedanken sind Nahrung. Darum gilt: „Glaub nicht alles, was du denkst. Aber denke über alles nach, was du glaubst. Und noch mehr über das, wovon man dir sagt, dass du es glauben sollst.“ Genau das machen wir hier in jeder Predigt: wir stellen den Glauben in und vor das Forum des Denkens.
Schaut Euch um: In jeder Kirche selbst steht ein Baum. Es ist das Kreuz. Aus Holz, von Menschen gezimmert, aber zugleich Symbol für die größte Verbindung: Vertikal – Himmel und Erde. Horizontal – Osten und Westen, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Ein Mensch hat sich daran binden lassen – Jesus – und er breitet die Arme aus wie Äste. Manchmal sehen wir auf Darstellungen das Leiden des Menschen: der Körper windet sich, zerrissen. Doch es gibt auch Bilder – besonders aus der Frühromanik und aus Afrika –, da scheint Christus aufgerichtet vor der Form des Kreuzes zu stehen, ruhig, fast schon verklärt. Einer hat gesagt: „Die Qual am Kreuz ist die Vorstufe zur Verklärung als Auferstandener.“ Das Kreuz ist in den Kirchen zum Baum des Lebens unter den Bedingungen der irdischen Existenz geworden.
Seit jeher sind Bäume Orte des Geheimnisses. Unter der Eiche von Mamre erscheint Abraham Gott. In Griechenland verwandelt sich Daphne in einen Lorbeerbaum und kann sich der Verfolgung dadurch entziehen. Die Germanen ehrten Donars Eiche, die Nordländer erzählten von Yggdrasil, der Weltesche als Weltachse. In Indien sitzt Siddhartha unter einem Feigenbaum, bis er als Buddha erwacht – das Buch Hermann Hesses werdet ihr zur Konfirmation geschenkt bekommen. Überall dieselbe Erfahrung: Der Baum verbindet Himmel und Erde, Anfang und Ende.
Und nun Ihr, liebe Konfirmanden: Was für ein Baum wächst in Euch? Welchen wollt Ihr pflanzen? Natürlich kann man draußen im Garten oder Wald einen Baum setzen – am besten einen Obstbaum, der süße Früchte bringt – und die uns schmecken. Aber es geht auch um einen inneren Baum. Jesus sagt: „Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn …“ Dann wächst aus dem Kleinsten eine ganze Welt. Ein Senfkorn-Glaube kann sich verwandeln in einen großen Baum, in dem Vögel nisten – und Vögel sind die, die dorthin fliegen können, wo wir Menschen nie hin gelangen.
Darum: Pflanzt Glauben, pflanzt Hoffnung, pflanzt Dankbarkeit. Lasst es Wurzeln schlagen. Seid nicht vorschnell mit Urteilen – „gut oder böse“ –, sondern bleibt verbunden mit dem Baum des Lebens. Dann werdet Ihr erleben, wie Euer Leben Frucht bringt.
Amen.