Träume …

Das aber sind die drei großen Träume von Josef, dem Sohn Jakobs, dem Sohn Isaaks, dem Sohn Abrahams. Also von dir. Denn diese Geschichten sind nicht bloß alte Erzählungen aus ferner Zeit. Sie sind Spiegel, die in dich hineinschauen, wenn du nachts die Augen schließt:

„Ich lag einmal an einem Sommerabende vor der Sonne auf dem Feld und entschlief. Die Erde war mein Lager, der Himmel mein Dach und ein alter Stein mein Kissen. Da träumte mir – und siehe: Eine Leiter stand hinaufreichend bis in die Himmel. Engel Gottes stiegen daran auf und nieder, wie der Atem ein und aus. Und ganz oben stand der Höchste. Nicht drohend, sondern segnend. Er sprach: ‚Ich will dich segnen. Und du sollst ein Segen sein.‘

Und wiederum träumte mir. Da sah ich, wie wir Korn ernteten und Garben banden. Meine Garbe stand in der Mitte, und die Garben der Brüder umringten sie. Und neigten sich, nicht aus Zwang, sondern weil ein geheimes Gesetz sie bewegte. Als ich erwachte, siehe, da war es ein Traum.

Und noch ein drittes Mal träumte mir. Da sah ich die Sterne am Himmel. Elf Bilder zogen ihre Bahnen, Sonne und Mond waren dabei. Und alle verneigten sich, in würdigem Kreis, vor einem Stern, der in der Mitte erglänzte. Mein Stern. Als ich erwachte, da war es ein Traum.“

Diese Träume – von der Leiter, von den Garben, von den Sternen – begleiten den Menschen, seitdem er menschlich ward. Sie gehören uns nicht, aber wir gehören ihnen an. Jeder Mensch ist ein wichtiges Traumgesicht aus der ewigen Welt Gottes. Indem wir leben, verwirklicht sich der Traum. Und wenn Gott erwacht, siehe, dann sind wir wahr.

Nun zugegeben: Man muss das nicht mögen. Man kann die Träume überhören, man kann sein Leben klein und ganz allein vor sich hin verwursteln. Das ist ganz einfach. Leider. Aber wie wäre es, wenn wir die Kostbarkeit dieser Träume annähmen? Sie sind Honig. Mehr noch: Gelee Royal. Jene Nahrung, die uns verwandelt, die uns zu mehr macht als zu dem, was die Marktmechanismen und Lügennachrichten aus uns machen wollen – zu dummen Konsumenten von immer neu erfundenem Unsinn Nein. Wir sind Beschenkte, beschenkt mit göttlichem Traumstoff.

Morgen – im Gottesdienst – hören wir von Jakobs Traum von der Himmelsleiter. Dieser Traum ist nicht vergangen. Er ist gegenwärtig. Auf irgendeiner Stufe der Himmelsleiter Leiter wirst auch du stehen. Auf irgendeiner Stufe triffst du deinen Engel.

Man brauchst nicht viel. Du brauchst die Zeit. Nimm sie dir. Du brauchst einen Ort. Akzeptiere ihn. Du brauchst ein Thema. Das Thema hat dich schon gefunden. Und du brauchst eine Person. Und diese Person bist immer du selbst.

Denn du bist das Ebenbild Gottes, durch das er selbst zu sich spricht. Du bist das Gefäß, in dem der Traum Gottes Form annimmt. Du darfst zuhören. Und das Zuhören selbst ist dein Leben.

So wird aus einem herbstlichen Spätsommerabend auf einem Feld, die große Wahrheit: dass der Mensch niemals nur diesseitig ist, sondern immer schon ein Himmelswesen im irdischen Getriebe.