500 Jahre Evangelisches Gesangbuch

Aus dem Wust vorheidnischer Mythen und finsterster Bräuche erhob sich eines Morgens das Christentum zu ersten freien Flugversuchen. Endlich schien über der verglimmenden Asche früher urheidnischer Altäre ein ganz neuer Vogel zu schweben. Er wollte, um Kraft zu sammeln, sich nie wieder in Kot und Totengebein niederlassen. Hierin gleicht die christliche Lehre vom menschenfreundlichen Gott Christus dem Mauersegler, welcher sogar im Schlafe fliegen, bzw. fliegend schlafen kann. Jüdische Eingottverehrung und griechische Religion leisteten Hilfestellung. Das Christentum verschmilzt beides bis jetzt so genial miteinander, dass eine hauchdünne und trotzdem haltbare Gold-Folie ausgespannt wurde, auf der die Bilder des menschlichen Lebens neu gemalt erscheinen. Die Angst wird weniger, die Kraft zum Handeln stärker. Die Ruhe größer, der Hass kleiner, – hin und wieder stellt sich sogar Frieden ein. Der Tod erscheint in neuem Licht, – das Leben in prächtigerem Glanz. Gott bleibt nicht angstmachender Seelenschreck, sondern wird hilfreiche Variable, um die Ungleichungen des Lebens aufzustellen – und oft sogar zu lösen. Wer hätte das gedacht? Der Hang zur unbarmherzigen Selbstverurteilung weicht entspanntem Vertrauen. Später rückt sogar die alte Feindin „Welt“ wieder näher – und wird zur Freundin. Man darf sie verbessern; Gott hat dafür jede Menge Freiraum gelassen. Umgang mit Schuld gestaltet sich anders. Keiner muss sich selbst mehr hassen und/oder andere zerstören. Gottes Sohn hat für alle Zeiten alle Schuldzahlungen beglichen. Die Lehre von der leiblichen Auferstehung blieb bis heute die härteste Währung auf dem Basar der Hoffnung. Und, das ist das Besondere, – niemand muss das glauben. Man toleriert die Distanz sowohl der Skeptiker als auch der Dauernörgler freundlich. Oft hat man ja selber Zweifel – dann aber wieder auch nicht! Unser gutes altes Christentum, – die letzten 500 Jahre und die Zeit davor. Von all diesen wunderbaren Sachen um Heil und Erlösung kreisen die Melodien und Texte unseres Evangelischen Gesangbuches. Alles, auch besonders dasjenige, was noch kommen könnte, sei mit festem Mut und erprobtem Liede begrüßt. Mit der genialen Übersetzung des Neuen Testaments Martin Luthers kann man weiterhin gut unterwegs sein. Und mit den Gesängen aus der Zeit der Gregorianik bis hin zu Manfred Schlenker sowieso …