
Einst sollte Jesus noch erklären,
was „fromm“ sei und was „Heuchelei.“
Das fragten ihn, die andre gern belehren
und dachten von sich selber groß dabei.
Er sprach: „Dass durch Gebet man sich befreite,
zum Tempel gingen eines Tages zwei –
ein Zöllner und ein Pharisäer heute.
Es sprach der Letztere mit lautem Ton:
‚Ich danke Gott, dass ich noch nie bereute,
zu folgen seinem Wort als braver Sohn.
Gehöre auch nicht zu der dunklen Meute,
die endlos duscht, verschwendend Gas und Strom.
Ich lass mich turnusmäßig impfen. Heute
stornier die Kreuzfahrt ich – und jeden Fleischverzehr.
Die Fahne für das Gute schwenk ich, Leute!
Nicht stamm ich ab, wo Zöllner kommen her.
Hab für die Dritte Welt ein Geld gespendet
und faste, weil ich’s kann, tagtäglich mehr.
Wenn dann die Welt im Wettersturme endet,
bin ich gewiss, dass Gott mir Hilfe sendet.
Der Zöllner aber stand von fern. Die Augen,
die wollt aufheben er zum Himmel nicht.
Schlug sich an seine Brust in tiefem Glauben
und dacht’: Sei gnädig, Gott, mir im Gericht!‘
Fast weinte er bei solchem stillen Beten –
Bedauern lag auf seinem Angesicht.
Indes den Pharisäer hört trompeten
man bis nach draußen auf den Tempelplatz.
Ob er bereits sich zählt zu den Propheten?
Sein Reden überführt ihn Satz für Satz …’”
Christ schloss: „Der Zöllner wandle still nach Hause,
und trag davon den wahren Seelenschatz.
Des Pharisäers lautes Betgesause
gilt wenig bei den Engeln, nichts vor Gott.
Denn wer sich selbst erhöht in seiner Klause,
der wird erniedrigt aller Welt zum Spott.
Die Demut aber führt uns nach der Höhe …
Das schmeckt – wie nach der Krankheit Kirschkompott.
Nicht, dass ich bei den Pharisäern sehe
euch, meine lieben Jünger, wenn ich gehe!”