- das ICH
Erst mit dem Wort „ICH“ beginnt jene Welt, welche Dir gehört – und auch nur Dir zu gehören scheint. Es ist Stärke und Qualität unserer Zeit, dass die besondere Betonung und Hervorhebung des eigenen und unverwechselbaren Ichs (samt seiner persönlichen Ansprüche) keine Scham, kein Missbehagen und keine Kritik mehr aufkommen lässt, wie es vor einigen hundert Jahren noch gewesen ist. Auf das eigenes Ich lässt man heute so leicht nichts kommen. Und dem Satz „Ich bin Ich” widerspricht man nicht ungestraft – bzw. man muss vorher ein dickes Buch über die gesamte Problematik geschrieben haben: „Wer bin ich – und wenn ja wieviele!”
Andere Zeiten haben anders gedacht. Ihnen war das Wir wichtiger als das Ich. Erst im Laufe der Jahrhunderte hat sich so etwas wie ein Ich-Bewusstsein überhaupt herausgebildet. Aber wer ist nun eigentlich dieses Ich? Und wenn es das Ich für jede einzelne Person wirklich geben sollte – wer bin denn dann ich wirklich?
Das christliche Glaubensbekenntnis jedenfalls, wie es in den Kirchen sonntäglich memoriert wird, beginnt mit der Vokabel Ich. In der deutschen Sprache klingt dieses Wort fast wie ein Fauch-Laut. Ähnlich dem Abwehr- oder Drohgeräusch einer Katze oder der Schlange. Und tatsächlich – nicht jedem anderen Ich darf man ungeschützt zu nahe kommen. Nur dem eigenen Ich kann man relativ gefahrlos nahen – und noch nicht einmal das! Das Ich des Anderen aber ist immer eine Grenze, die zwei oder mehrere Person-Kerne voneinander trennt. Wer sich dem unpersönlichen „Man“ oder dem vereinnahmenden „Wir“ nicht so einfach hingeben will, tritt mit dem Begriff „Ich” hinaus in den Bereich dessen, was oft mit dem Wort Freiheit beschrieben worden ist. Freiheit als Vokabel kommt übrigens nicht vor im Glaubensbekenntnis. Aber im ersten Wort (Ich) ist sie enthalten. Im jeweiligen Ich dessen, der alle diese alten Bekenntnis-Worte spricht – und verstehen will.
Es gibt auch noch andere Worte für das Ich. Beispiele sind SELBST, ICH SELBST, ICH SELBER. ICH – HÖCHSTSELBST. Mit der Kopplung zwischen Ich und Selbst soll der unklar gebliebene Begriff des Ich sozusagen dingfester gemacht werden. Es soll nicht irgendein Ich bleiben, sondern es soll bedeuten: Ich – und nur ich – ich bin es wirklich selber.
Ob es ein Ich als atomare (unspaltbare) Grundeinheit menschlicher Personalität überhaupt gibt, ist überhaupt nicht geklärt. Wahrscheinlich ist jeder von uns ein Ensemble von verschiedenen (oft auch sich teilweise widerstrebenden) Grundkräften. Das „Ich“ bleibe uns als Begriff aber die Fiktion der Möglichkeit einer Einigung dieser in uns anwesenden verschiedenen Kräfte, Energien und Richtungen. Das Ich sei die Mitte je meiner Person. Ich glaube. So geht das Glaubensbekenntnis an. Und mit Amen endet es.
Mit dem „Amen“ als achtundfünfzigstem Wort schließt sich der Kreis der Worte, mit Hilfe derer eine sonderbare Welt aufzeichnet wird. Ein Kreis, in dem ein Ich sich auf ein Du hin öffnen will, das genauso rätselhaft ist, wie das Ich sich selber vorkommt: Die Gottheit. Zu ihr will das Ich „Amen“ sagen. Und Amen muss ich immer selber sagen können – sonst bleibt der Kreis offen und wäre damit kein Kreis. Wann bin ich „Ich” und wann bin ich „Nicht mehr Ich?” Wieviel Fremdes kann mein Ich vertragen ohne sich in Ich und Nicht-Ich zu spalten …