
Das Glasfenster wartet mit drei verschiedene Blickrichtungen auf. Johannes schaut von unten nach oben – Maria von oben nach unten. Ihre verschiedenen Blickrichtungen stehen nicht unvermittelt im Raum, sondern laufen parallel und werden zusätzlich von den „Dingen“ verlängert. Im Falle des Johannes vom Lendentuch Christi und für Maria durch den linken Unterschenkel des Erlösers. Ist das nun nur eine rein formale Sache im Dienste der Symmetrie? Auf jeden Fall kann man einen Sinn hineinsehen – das Karfreitagsdrama führt aus der Imagination in die brutale Realität und parallel zugleich aus der irdischen Verfallenheit in ein transzendentales „Oben“.
Der Blick Christi dagegen meint etwas anderes. Er geht übrigens nur scheinbar ins Unbestimmte. Das Haupt ist zur Seite geneigt (es ist vollbracht), aber die Augen scheinen die Aufschrift des Pilatus (das „neue Tetragramm“ INRI) mühsam nachbuchstabieren zu wollen. Genauso, wie Betrachter dieser und ähnlicher Bilder und die Leser aller Zeiten es bis heute versuchen müssen: Das gesamte Geschehen in seine Einzelteile zu zerlegen – und in den Wolken des Glaubens wieder zusammenzusetzen.
Die Füße des Gekreuzigten scheinen übrigens in einer Tempellandschaft zu stehen, die sich im Hintergrund erstreckt. Den rechten über den linken geschlagen werden sie beide von nur einem Nagel fixiert. Ja, – das Licht ist in den Farben der gläsernen Materie der Fenster gekreuzigt. Und geht nicht ein sanfter Zwang von diesem Glasbildnis aus, die süße Verlockung doch noch viel weiter zu sehen, als die erstarrte Schmelze es zu erlauben scheint …