
Sehr schön sieht er aus – dieser Jüngling, welcher uns an der Brust des Meisters Jesus liegend vorgestellt wird und das philosophische der vier kanonisch gewordenen Jesusevangelien abgeliefert hat. Im Vergleich zu den weiter unten gezeigten bärtigen Männern Markus, Lukas und Matthäus scheint er irgendwie einer ganz anderen Welt anzugehören und repräsentiert eine besondere Art zu sehen und zu denken. Ungehindert von wildem Haarwuchs um Lippe, Mund, Kinn und Nase wird hier das gesamte Gesicht sichtbar. Und die Augen spähen nach innen. Der Federkiel wird zum Florett. Die Synoptiker dagegen (s.u.) senken ihre Federn. Johannes aber hält sie waagerecht wie die Tragfläche eines Flugapparates. Und er hat auch als Einziger bereits ein Buch. Die anderen nur Zettel – und Lukas ermangelt es gar an einem Schreibgerät. Hätte nur noch gefehlt, dass Johannes den Kiel in der Linken führt! Aber auch ohne diese Übertreibung kommt er besonders daher und schreibt: „Am Anfang war das Wort.“ Hier macht einer Ernst mit dem Anfang der Bibel, der mit der Problematik des Anfangs an sich anhebt. Und Johannes Evangelista kümmert sich nicht darum, dass Goethe einmal seinen Johannes Faust an diesem Axiom wird herummäkeln lassen …
